Illustrierte Aeronautische Mitteilungen

Jahrgang 1903 - Heft Nr. 12

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Eine der ersten Zeitschriften, die sich vor mehr als 100 Jahren auf wissenschaftlichem und akademischem Niveau mit der Entwicklung der Luftfahrt bzw. Luftschiffahrt beschäftigt hat, waren die Illustrierten Aeronautischen Mitteilungen, die im Jahre 1897 erstmals erschienen sind. Später ist die Zeitschrift zusätzlich unter dem Titel Deutsche Zeitschrift für Luftschiffahrt herausgegeben worden. Alle Seiten aus den Jahrgängen von 1897 bis 1908 sind mit Fotos und Abbildungen als Volltext in der nachstehenden Form kostenlos verfügbar. Erscheint Ihnen jedoch diese Darstellungsform als unzureichend, insbesondere was die Fotos und Abbildungen betrifft, können Sie alle Jahrgänge als PDF Dokument für eine geringe Gebühr herunterladen. Um komfortabel nach Themen und Begriffen zu recherchieren, nutzen Sie bitte die angebotenen PDF Dokumente. Schauen Sie sich bitte auch die kostenfreie Leseprobe an, um die Qualität der verfügbaren PDF Dokumente zu überprüfen.



illustrierte aeronautische Mitteilungen.

VII. Jahrgang. ->j Dezember 1903. 12. Heft.

Die topographische Verwertung von JJallonauJnahmen.

[Auszug aus einem in der Sitzung vom 3. Januar 1903 der math.-phys. Klasse der k. hayr. Akademie der Wissenschaften gehaltenen Vortrage.1)]

Von Dr. Sebastian Flnsterwnlder,

Professor an der technischen Hochschule in München.

Oer Anblick einer Ballonaufnahme erinnert unwillkürlich an den einer topographischen Karte und der Gedanke, Ballonaufnahmen zur Herstellung solcher Karlen zu verwenden, ist gewiß naheliegend. Befremdend für den Laien, aber unmittelbar einleuchtend für den in der Geometrie Geschulten ist der Umstand, daß eine einzige Ballonaufnahme niemals hinreicht, eine Karte des darauf dargestellten Geländes zu entwerfen, falls man nicht die Annahme macht, dali das Gelände vollkommen eben ist. Man braucht mindestens zwei Aulnahmen desselben Geländes für diesen Zweck. In einer früheren Arbeit*) in diesen Blättern habe ich gezeigt, wie man aus zwei Ballonaufnahmen nicht nur die Karte, sondern auch die Höhen des dargestellten Geländes ermitteln kann. Dabei war vorausgesetzt, daß von der Karle drei oder vier Punkte bereits bekannt seien, und die Konstruktion der Karte erfolgle in der Art. daß die Ballonorte zur Zeit der Aufnahmen zuerst auf Grund der bekannten Punkte ermittelt wurden, und dann konnten die unbekannten Teile der Karte, soweit sie auf beiden Ballonaufnahmen zu erkennen waren, gefunden werden. Dieses Verfahren leidet ati zwei ('beiständen, die in engem Zusammenhange stehen; einem prinzipiellen, der darin besteht, daß man von der zu konstruierenden Karte überhaupt etwas und noch dazu mehr als unbedingt nötig voraussetzt, und einem praktischen, insofern als die ungenügende Kenntnis des Vorausgesetzten die Konstruktion der Ballonörter fälscht und die dadurch entstandenen Fehler sich auf die weitere Konstruktion der Karte übertragen. Nur durch ganz besondere, von den üblichen Verfahren der Photogrammetrie völlig abweichende Kunstgriffe läßt sich die Anhäufung der Fehler auf ein erträgliches Maß einschränken. Nun habe ich bereits vor Jahren gezeigt,3] daß zwei Bilder mit innerer durch Bildweite und Hauptpunkt gegebener Orientierung ausreichen, das auf beiden dargestellte Objekt samt den dazu ge-

'.i Der VurlTap «TüiliH-ii inzwisc-he» im ii. Itd. der Abhandlungen der II. Kl. «Irr k. Akad. der Wiss. S. 22.1 unter dein Tilrl: Kine (\niinl»iifj:ulie d«T Chutnyraiiiniotrie und ihre Anwendung auf Itallunuufn.-ilirm-n. Mil 1 Tafel. Auch separat zu beziehen.

*! l*hnl"Kraiiini''lii*i'lit: Aufnahme von tlöhenknrten vom Lnftballun au». Illuslr, aeroti, Mitt. 4. ßd. I'JOii. S, lüü

l>ic £«'11111. <irutidla?ou di-r Phutogrammetrie. Iterirht erstattet .|.r deiits<tieii Mathematiker-viti 'ini.'uni: zu Itrauu.-i hw<i» 1*97. Jahre.-berieht der d«.'ut»ihen Mathematikerveii-ini^uii}.', «. lid., S. Iii. Weiterhin alt II mit Seitenzahl zitiert.

I!iu«tr. Ae'ronaut. Milieu. VII. Juhrg. i !

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hörigen Standpunkten unabhängig von jeder weiteren Messung bis auf den Maßstab und die äußere Orientierung zu bestimmen. Die wirkliche Durchführbarkeit der damals nur angedeuteten Lösung soll nun an einem Heispiele der Ballonphotogrummetrio gezeigt werden. Da man indessen mit einer Karle ohne Maßstab und ohne Orientierung gegen die Vertikale und die Himmelsrichtungen nicht viel anfangen könnte, muß noch erörtert werden, wie man die Kenntnis einzelner Punkte der Karte zur liestimmung des Maßstabes und der Orientierung benüt/.t. Unvollkommenheiten in dieser Kenntnis werden nunmehr nur den Maßstab und die Orientierung, nicht aber die Form des dargestellten Geländes beeinflussen, und hierin beruht der wesentliche Vorzug der neuen Methode der Ballontopographie.

Im folgenden wird nur die genaue Bekanntschaft der inneren Orientierung der photographischen Aufnahmen, die von den Dimensionen des benutzten Apparates allein abhängt, vorausgesetzt; von der äußeren Orientierung gegen die Vertikale wird nur eine ungefähre Kenntnis gefordert. Erheblich einfacher und förderlicher wird die Methode, falls die äußere Orientierung gegen die Vertikale — im wesentlichen die Neigung des Apparates bei der Aufnahme — genau bekannt ist. Erst in letzter Zeit haben die Versuche zur Ermittelung derselben im Ballon einen zweifellosen Erfolg gehabt. In einem zweiten Aufsatze werde ich die Benützung solcher Aufnahmen zur möglichen Vereinfachung der Bekonstruktion, die dann ganz auf graphischem Wege ausgeführt werden kann, besprechen.

Zur Verwendung kommen zwei Ballonaufiiahmen, welche die Umgebung des Marktes Gars am Inn aus ungefähr 2o<K) m Höhe gesehen darstellen und von Herrn Privatdozent Dr. H. Emden gelegentlich einer von ihm geführten Vereinsfahrt im neuen Vereinsballon «Sohncke» des Münchner Vereins für Luftschiffahrt aufgenommen wurden. Der dabei verwendete Vereinsapparat ist mit einer Rahmeneinriehtung1) zur Ermittelung der inneren Orientierung versehen, das Format der Platten (Marke *Perorto> von der Fabrik O. Perutsi 12 X 16 cm, die Bildweite 16,16 cm, die Belichtungsdauer des Moinentversehlusses (System Bruns) nach Messung von Herrn Baron von Bassus2i 0,02 Sekunden. Das Objektiv, ein «Orthostigmat > der Firma Steinheil und Söhne, zeichnet innerhalb des in Betracht kommenden Gesichtsfeldes von über 00° pers|>ektivisch richtig und gibt bei Abbiendung auf ein Zwölftel der Brennweile genügend scharfe, gut durchgearbeitete Bilder, die Messungen bis auf <>,<»") mm erlauben.

Zur Vermittlung der Rekonstruktion des Objektes und der Standpunkte dienen die von Herrn Professor Guido Hauck eingeführten Kernpunkte,3) die nichts anderes sind als die Bilder des eines Standpunktes vom andern aus gesehen. Ihre Auffindung wird im ersten Teile der Abhandlung erörtert.

•i Sh-Ih- Tufol. Oi«' Uahmt-nntaOe im Original sind: lnlt X 1 »I.- nim. Wie Verkleinerung bei der Wi'iti-fiiil'c eiilxpnehl der aiififi-l'i-iieii rediuirrteri lüldwvit«-.

*) Vcrpliiil,... III. A.-r..i.. Mitt.-ihdi'.'. ii 1:«».'. S. ;h. I»er Apparat i»t dort mit V. Vi ti«7«ichnct. *'< R S. '.i Armi. :i. v.iiiite Seile.)

Aus «Jahreeberti■ht «loa Müm hcner Verein* für LnflnrhiiTahrt 190s».

Erste Aufnahme.

Tafel.

bars am inn jii- illll.n m Hildweitc M.l.ä mm rodu/it-rt

»*»9> 388

Der zweite Teil handelt von der Rekonstruktion des Objektes, der dritte von der Aufsuchung des Maßstabes und der Orientierung im Raum und der vierte von der Herstellung der Karle.

1. Die Kernpunkte und ihre Bestimmung.

Denkt man sich zwei Apparate gleichzeitig an die Stellen des Raumes versetzt, welche der Aufnahmeapparat zu den verschiedenen Zeiten der Aufnahme inne gehabt hat, und verbindet man die perspektivischen Zentren (Linsenmittelpunkle) durch eine Gerade, so schneidet diese, gehörig verlängert, die Ebenen der lichtemplin Iiichen Platten in den Kernpunkten. Legt man durch diese Gerade als Achse und die verschiedenen Objektpunkte die Ebenen eines Rüscheis (Kernebenenbüschclsi, so enthält jede Ebene, außer dem Objekl-punkt, auch dessen beide Rildpunkte. Denkt man sich nun die Apparate aus ihrem räumlichen Zusammenhang gelöst, aber den Bildpunkteu einer jeden photographischen Platte auch noch ihren Kernpunkt beigesellt, so kann das vorbin im Räume aus den Objektpunkten konstruierte Ebenenbüschel an jedem Apparat für sich konstruieren, indem man durch die Verbindungslinie von Kernpunkt und perspektivischem Zentrum (LinsenmiltelpunkO die Ebenen nach den Bildpunkteu legt. Die Gleichheit der aus beiden Bildern so wiedergefundenen Ebenenbüschel, oder genauer gesagt, die Gleichheit der Winkel, welche die Ebenen nach entsprechenden Bildpunkten mit einander einschließen, ist ein Kriterium für die Richtigkeit der gewählten Kernpunkte und kann umgekehrt zur Aufsuchung derselben dienen. Da die Lage der beiden Kernpunkte von je zwei Koordinaten in ihren Ebenen abhängig ist, so ist die Gleichsetzung von vier Winkeln jener Ebenenbüschel zur Bestimmung der Kernpunkte notwendig. Diese vier Winkel schließen die Ebenen nach fünf entsprechenden Bildpunkten miteinander ein und so genügt die Kenntnis der Bilder von fünf Objektpunkten auf beiden Photographien zur Auffindung der Kernpunkte. Eine direkte Konstruktion auf diesem Wege ist mit den gegenwärtigen mathematischen Hilfsmitteln nicht durchführbar und würde auf alle Fälle äußerst zeitraubend sein, aber das angegebene Kriterium reicht aus, um die genäherte Lage der Kernpunkte so zu verbessern, daß sie richtig wird. Zu einer genäherten Lage der Kernpunkte gelangt man aber bei Ballonaufnahmen sehr leicht, wenn man den Ballon mit Lot leinen ausrüstet, die sich auf den Photographien mit abbilden. Der Schnitt der Leinenbilder ist das Bild des Nadirs des Bullonorle.s und mit seiner Hilfe kann man, wie ich früher zeigte, Horizontal-und Verlikalwinkel aus den Ballonaufnahmeu entnehmen und speziell auch den Ballonort konstruieren, wenn die Lage zweier Punkte im Gelände bekannt ist.'i Puter der bei Ballonauf nahmen immer genügend genau zutrelTenden Annahme, daß die Verbindungslinie zweier nicht zu naher Objektpunkte horizontal ist, kann man, da ja der Maßstab vorläufig gleichgültig ist, die

Endpunkte einer beliebigen Strecke als die bekannten Objektpunkte ansehen und nach ihnen die Ballonorte und die Stellung der Bildebenen während der Aufnahme bestimmen. Hieraus ergibt sich mittels einer keineswegs umständlichen Konstruktion der darstellenden Geometrie die Lage der Kernpunkte als Schnitt der Verbindungslinie der Ballonorte mit den Ebenen der lichtempfindlichen Platten. Nachdem man die Koordinaten x<> yo, xo' y./ der Kernpunkte, in dieser Weise genähert, bestimmt hat, rechnet man mit denselben und mit den Koordinaten von fünf Objektpunkten die Winkel, welche die Kernbüschelebcnen miteinander einschließen, sowie die Veränderungen dieser Winkel bei kleinen Änderungen der Koordinaten der Kernpunkte. Dann stellt man die vier linearen Bedingungsgleichungen für die letztgenannten KoQfdinatenänderungen auf, deren Erfüllung bewirkt, dali die vier Winkel in den beiden Aufnahmen entsprechenden Kernebenenbüscheln gleich werden. Nimmt man die Bilder von mehr als fünf Objektpunklen, so erhält man überschüssige Bedingungsgleichungen und man kann nach der Methode der kleinsten Quadrate die günstigsten Verbesserungen der Kernpunktskoordinaten, deren mittlere Fehler, sowie die mittlere Abweichung der gleich sein sollenden Winkel in den Kernebenenbüscheln berechnen. Letztere ergab sich in unserem Falle bei Verwendung der Bilder voti 11 Objektpunkten, die 10 Bedingungsgleichungen lieferten, zu 0,03 Grad, oder 1,7 Bogenminuten.

2. Die Rekonstruktion des Objektes.

Sind einmal die Kernpunkte gefunden, so bereitet die Rekonstruktion des Objektes gar keine Schwierigkeiten mehr. Man steckt die beiden kongruenten Kernebenenbüschel so ineinander, daß die Achsen und die nach entsprechenden Bildpunkten laufenden Ebenen sich möglichst decken und die perspektivischen Zentren beider Aufnahmen eine bestimmte Entfernung, z. B. gleich der Einheit haben. Hierbei kann man den graphischen oder auch den analytischen Weg einschlagen. Letzterer ist namentlich dann vorzuziehen, wenn auf die Ermittelung der Höhen Wert gelegt wird. Man wählt in diesem Falle zur Festlegung der Punkte ein möglichst bequemes Koordinatensystem, dessen eine Ecke etwa im ersten Aufuahrnepufikt liegt, während eine Achse durch den zweiten Aufnahmepunkt geht und eine Ebene annähernd vertikal steht, wofür die vorausgegangene Näherungskonstruktion der Kernpunkte Anhaltspunkte liefert. Jeder Objektpunkt ist der Schnitt zweier von den perspektivischen Zentren nach den Bildpunkten laufenden Strahlen, welche in sich deckenden Ebenen der Kernbüschel liegen. Die gemeinsame Achse der letzteren fällt mit der ersten Achse des Koordinatensystems zusammen und seine Ebenen schließen bekannte Winkel mit der vertikal gestellten Koordinatenebene ein, was die Berechnung sehr vereinfacht. Es sind nur die Koordinaten von jenen Punkten zu berechnen, welche für die spätere Orientierung der Karte in Betracht kommen, also im allgemeinen wenigstens von dreien. Im vorliegenden Beispiel wurden die Koordinaten von allen 11 Objoklpunkten, die zur Auftindung der Kernpunkte gedient hatten, bestimmt.

390 «4««

Dabei erhält man auch einen Anhaltspunkt zur Beurteilung der Genauigkeit der Rekonstruktion des Objektes. Die beiden Kernebenenbüschel sind nicht absolut kongruent und entsprechende Ebenen schließen daher einen kleinen Winkel ein. so dalt die den Objektpunkt bestimmenden Strahlen in verschiedenen Ebenen verlaufen und sich nicht genau schneiden, sondern einen kürzesten Abstand besitzen, der in Teilen der Basis (ca. iOoOm) gemessen den mittleren Wert O,00o27 hat. Abgesehen hiervon sind die Schnitte der Strahlen äußerst günstig, indem die Schnittwinkel sich zwischen 8ß° und 99" bewegen. Die mittlere Unsicherheit eines rekonstruierten Objektpunktes ist hiernach nicht höher als 0,00027 der Basis zu schätzen. Es wäre unzweckmäßig, wollte man nun mit der Konstruktion neuer Objekt-pnnkte fortfahren. Es empfiehlt sich vielmehr, zur Maßstabbesliinmung und Orientierung überzugehen, damit die weiter zu konstruierenden Punkte gleich in endgültiger Lage erscheinen.

3. Aufsuchung des Maßstabes und Orientierung im Raum.

Zur Aufsuchung des Maßstabes und zur Orientierung im Raum genügt die Kenntnis der absoluten Lage dreier Punkte des Objekts, ja es treten hierbei schon drei überschüssige Beslimmungsstücke ein, die eine Ausgleichung erfordern. Herr Geheimrat v. Helmert11 hat eine rechnerische Methode angegeben, zwei Dreiecke (oder sonstige ebene Figuren) durch Drehung und Maßstabsänderung möglichst zur Deckung zu bringen. Dieselbe läßt sich folgendermaßen geometrisch deuten: 11 legt man die Ebenen beider Figuren so aufeinander, daß die Schwerpunkte sich decken; 2) bildet man aus den Verhältnissen der Schwerpunklsabstände entsprechender Punkte beider Figuren das arithmetische Mittel mit den Ouadralen jener Abstände als Gewichten und benützt es zur Reduktion der Dimensionen; 3) dreht man die eine Figur solange um den gemeinsamen Schwerpunkt, bis die algebraische Summe der Dreiecke, welche von den Schwerpunklsabständen entsprechender Punkte gebildet werden, gleich Null ist. Nach der Hchnertschen Methode wird man verfahren, wenn das Objekt entweder nur nach drei Punkten oder nach einer größeren Zahl in einer Ebene gelegenen Punkten zu orientieren ist.

Im vorliegenden Falle sollte mit der Orientierung auch eine objektive Prüfung des rekonstruierten Punkthaufens verbunden werden, darum versuchte ich durch Messungen im Gelände die absolute Lage aller 11 Punkte zu finden. Unterstützt durch meinen Assistenten, Herrn Dr. G. Faber, und ausgerüstet mit Instrumenten aus dem geodätischen Institut des Herrn Professor Dr. Max Schmidt, begab ich mich nach Gars, um die Punkte aufzusuchen, in die Katasterblätter 1 : 500C) einzutragen und ihre Höhen barometrisch zu messen. Die Punkte konnten alle gefunden und bis auf einen, der zu ungünstig gegenüber bekannten Punkten lag, bis auf etwa 2 m genau eingetragen werden. Leider erwiesen sich die mit zwei Aneroiden und registrierenden Slationsbarometern ermittelten Barometerhöben infolge des

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gewitterigen ZuStandes der Atmosphäre noch unsicherer. Eine Höhenaufnahme des betreffenden Geländes ist zur Zeit nicht vorhanden.1)

Es lag nun die Aufgabe vor, den räumlichen Haufen der konstruierten Objektpunkte mit jenem der 10 gemessenen Terrainpunkte möglichst zur Deckung zu bringen. Es geschieht dies folgendermaßen: 1) bringt man die Schwerpunkte beider Haufen zur Deckung; 2) vergrößert man den ersten in einem Verhältnis, das gleich dem Mittel aus den Verhältnissen der Schwerpunktabstände entsprechender Punkte gebildet mit den Quadraten jener Abstände als Gewichten ist, und 3) dreht man den ersten Punkthaufen solange gegen den zweiten, bis folgende Bedingung erfüllt ist: .ledern aus zwei ent-

Fig. 1. Ml :'ir>O0Ü.

sprechenden Schwerpunktsabständen gebildeten Dreieck wird ein Vektor zugewiesen, der senkrecht auf der Dreiecksebene steht und dessen Länge gleich dem Dreiecksinhalt ist. Die geometrische Summe dieser Vektoren muß Null sein, dann ist der günstigste Anschluß beider Punklhaufen erreicht. Das Resultat des Zusammenschlusses zeigt folgende Tabelle, in welcher die photogrammetrisch ermittelten Koordinaten aufrecht, die geodätisch gemessenen kursiv gedruckt sind.

i) Die l''iuur 1 gibt eine doppelte Veri£ri>lJerung dir Umgebung von (Jars in dem bayrischen Atlas* blatte Wasserburg-Ost I : ."»*»OCICX. Sie enthält auller d<n BergacltranVii «inis«' llohenkoten, ibr>n Horizont uro M y m h«>her i«t als jener der Haronuternn •:-11 r t v-', n und der Karle Fig. i.

S Finsterwalder: Neue Methode zurtopographischen Verwertung von Ballon» ufnahmen

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Höhenkurven tnrom Abstand Jahresbericht des Münchener Vcrctns für Luftschiffahrt IQQZ

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Die Zahlen bedeuten Meter.

 

1.

2-

8.

*■

5.

6.

7.

8.

X

554.6

821,5

—7ÖK.6

-8<i7.H

-48,7

986.7

j —1067,0

187,8

 

558.0

 

— 707.;?

— v;s 7

—118.7

 

-hm;*;.t;

 

y

1027,2

-930,1

-1180.2

1<K)2.2

10,3

311,5

i —421,1

—318,6

 

1027,3

—927,7

—-111*2,1

1003.1

14,7

 

—479,«

—3*5,3

z

515.9

4*5,9

439.9

511,8

■W5.9

13u.it

461.5

407,6

 

512,9

440.9

440,3

r,n,:,

43H,7

 

459,6

1

■110,1

f»,

10.

— 7H7,0 — 1076,7

636,2 6Ö'5,7 505,4

59,0

480.9 480,8

II.

925,8 926,3

— 163,6

— i«4,3 404,5 407,8

Die Koordinaten der Standpunkte (Ballonorte) werden folgende:

x y z

Erster Standpunkt: —2020,2 —92,4 2196,2 ,,. ,«a-rt „ ,. ' -o- o ^..ü/.. Standlinie: 412o,2 m

Zweiter > 20tH,l — o3o,8 2144,8 '

Der Anfangspunkt der x- und y-Koordinaten ist der gemeinsame Schwerpunkt, welcher von dem linken (bezw. unteren) Bande des Katasterblattes N. 0. I 29 um: 1185,2 m (1858,3 m) entfernt ist. Auf der Karte Fig. 2 sind die Koordinalenaxen an den Rändern markiert. Aus der Tabelle ergibt sich ein mittlerer Unterschied der x- und y-Koordinateu von 2,7 m, ein solcher der z-Koordinaten 3,0 m (Barornetermessung!) und eine mittlere Entfernung entsprechender Funkte beider Haufen von 5,0 in. Ein merklicher Teil dieser Unterschiede ist, wie schon angedeutet, auf Bechnung der geodätischen Messung zu setzen.

4. Die Herstellung der Karte.

Nachdem der Vergleich der photogrammetrischen Positionen mit den geodätischen eine erfreuliche Übereinstimmung erkennen lieft, verlohnte es sich, an die Herstellung einer Höhenkarte des photographierten Geländes zu gehen. Ein Versuch, den in der Photogrammetrie bei geneigter Bildebene üblichen Weg einzuschlagen, d. h. erst die Horizontalposition der Punkte graphisch zu bestimmen und dann die Höhe doppelt zu rechnen, mußte an dem Umstände scheitern, daß der Schnitt der Strahlen im Grundriß zu spitz war und nur sehr ungenaue Positionen ergeben konnte, die die Höhenrechnung ganz illusorisch machten. Zwar hätte man auf graphischem Wege erst den Aufriß und daraus den Grundriß einigermaßen scharf bestimmen können, allein die dazu nötigen Konstruktionen sind wenig übersichtlich und, da sie das Zeichnen von Linien auf den Bildern selbst verlangen, für die Höhenbestimmung nicht genau genug. Um mit den ursprünglichen, den Rahmenseiten parallel laufenden Koordinaten der Bildpunkle auszukommen, wurden sämtliche Bildpunkte auf rechnerischem Wege von ihren Standpunkten

lllu-tr. .V'-roiiant. Milt.il. VII. Jntirf i-

aus auf eine Vergleichsebene in minierer Höhe (140 m) projiciert, was sich mitlels leicht zu handhabender Formeln1) dann ausführen läßt, wenn man zur Festlegung der Funkte in der Vergleichsebene zwei schiel winklige Koordinatensysteme benutzt, deren Achsen aus den rechtwinkligen Achsen der Bildebenen durch die Zentralprojektion von den zugehörigen Standpunkten aus entstanden sind. Die Projektionspunkte zweier zusammengehöriger Bildpunkte fallen zusammen, wenn sich der Objektpunkt in der Vergleichsebene befindet, sie treten in verschiedenen Bichtungen auseinander, je nachdem der Objeklpunkt oberhalb oder unterhalb der Vergleichsebene liegt, und ihre Verbindungslinie läuft immer nach dem Schnittpunkt der Standlinie mit der Vergleichsebene. Im vorliegenden Beispiele wurden die Projektionspunkte im Mafistab 1 : 10000 aufgetragen: der Erhebung eines Objeklpunktes um je 1 m entsprach ein Auseinanderrücken der Projektionspunkte um durchschnittlich 0,2 mm. Die Konstruktion des Höhenunterschiedes gegenüber der Vergleichsebene und daraus der Horizontalposition läßt sich mit wenigen kurzen Linien ohne weitere Einbuße an Genauigkeit ausführen.

Es wurden auf diese Weise 180 Punkte bestimmt und zwar ausschließlich solche, welche dem Gelände angehören. Häuser, Wald- und Feldgrenzen sowie die Flußläufe und Wegelinien konnten hiernach eingeschaltet werden. Die geschlossenen Ortsanlagen wurden mittels eines perspektivischen Netzes, das sich auf konstruierte Punkte stützt, übertragen.2) Für den Entwurf der Höhenkurven ergaben sich beim Studium der Bilder weit zahlreichere Anhaltspunkte, als sich beim ersten Anblick derselben vermuten ließ. Selten ist eine Flurgrenze im Bilde ganz ohne Krümmung. Je nachdem der Sinn der Krümmung auf beiden Bildern derselbe oder verschieden ist, läßt sich entscheiden, ob die wirkliche Flurgrenze mehr in der Horizontalebene oder der Vertikalebene gebogen ist, und unscheinbare Änderungen im Tone zeigen die Bruchlinien der Böschungen an. Nicht einmal die Waldbedeckung bietet ein absolutes Hindernis für die Erkenntnis der Formen. Die Originalzeichnung der Karte habe ich im engsten Anschluß an die Tonwerle der Bilder in Uavicrung ausgeführt, um ein Beispiel dafür zu geben, wie eine Karte aussieht, welche dem Anblick des Geländes von oben möglichst nahe kommt. Man sieht dann eben nur Kultur- beziehungsweise Vegetationsgrenzen, während die Plastik nur insofern zum Ausdruck kommt, als sie jene Grenzen bedingt. In der hier Fig. 2 beigegebenen Strichreproduklion in halber Größe kommt natürlich dieser Umstand nicht zur Geltung. Die 11 Punkte, welche bei der Konstruktion der Karte eine große Bolle spielten, sind durch Kreise markiert und mit den auf Dezimeter abschließenden Höhen versehen. Die übrigen Höhen sind in Metern angegeben.

Zum Schlüsse sei noch die Frage erörtert, ob das vorgeführte Beispiel

11 Kormcln habe ich abin-leitel in .len Sit/bcr. der k. Uayr. Aka.t-mii dur Wise. II. Kl. 1S>00: • Iber «Ii« Konstruktion von Ilübenkarti-n au« Itullvtiaufnatitmm • »in h Pr|iarat itm hi< ni'ii>: sir finden »ich aivli in .liiM r Zeits.-hr. 4. R<l., UM«fi, S. 124.

•i It. S. Ii.

einer Bullonaufnahme typisch ist oder ob nur ungewöhnlich günstige Umstände ein befriedigendes Resultat ermöglichten. Die Antwort lautet einfach: man kann mit derselben relativen Genauigkeit bei jeder Ballonfahrt — günstiges Wetter vorausgesetzt — einen Streifen von der Länge der Fahrt und einer Breite, die die Ballonhülle etwas übertrilft, aufnehmen, falls in passenden Zwischenräumen abwechselnd in Richtung der Fahrt und in entgegengesetzter Richtung mit einer Neigung des Apparates von etwa 15° pholographiert wird. Würde man beispielsweise in 3(x>0 m Höhe fahren und einen Apparat mit dem Format 18X21 cm und 24 cm Bildweite benützen, so könnte man einen Streifen von 4 Kilometern Breite im Maße 1 : 10000 aufnehmen. Die Orientierungsrechnungen für ein Blatt von IG Quadratkilometern Fläche würden einen Bechner etwa 3 Tage, die Ausfertigung des Blattes in ähnlich kompliziertem Gelände wie das vorliegende und zwar Situation und Höhenkurven einen Zeichner und einen Rechner etwa vier Wochen beanspruchen. Freilieh würde die so erhaltene Karte, schon weil sie ja keine Nomenklatur hat, einer Ergänzung im Felde selbst bedürfen, die sieh übrigens möglicherweise mit den Ürientierungsmessungen verbinden ließe. In deutschen Landen ist allerdings wenig Bedarf für solche Aufnahmen; auch ist der gegenwärtige primitive Zustand der Fahrtechnik des Ballons einer weitergehenden Anwendung der Ballonphotogrammctric nicht günstig. Allein noch ehe die Welt mit Messtischblättern voll umspannt ist, hat sich vielleicht die Acronaulik soweit entwickelt, daß das Vermessungsluftschiff seinen Dienst beginnen kann. Die geometrischen Methoden liegen hierfür bereit.

Bericht über die Möglichkeit elektrischer JCadung und Cntzinfang

von tnftbatlons.

Von Prof. R. Itifnistclii in Merlin.

Im Anschluß an die am 25. April d. .1s. geschehene Explosion des Ballons «Pannewitz* <Diese Zeitschritt, .luniheft, S. 19i) beauftragte der Berliner Verein für Luftschiffahrt die Herren Professor Marckwald, Oberleutnant de le Roi und den Schreiber dieser Zeilen mit einer Untersuchung über die Einzelheiten jenes Unglücksfalles und die Möglichkeit, ähnliches künftig zu verhüten. Nachdem in den Vereinssitzungen vom 25. Mai und 29. Juni bereits einige Angaben hierüber gemacht waren (Diese Zeitschrift, Augustheß, S. 270. 275), wurde am 19. Oktober dem Verein ein weiterer Bericht abgestattet, dessen wesentlicher Inhalt in den folgenden Zeilen mitgeteilt wird.

Legt man, wie es ans mancherlei Gründen geboten erscheint, die Annahme einer elektrisehen Zündung des Ballongases bei jener Art von Unfällen zugrunde, so können vier verschiedene Möglichkeiten für die Eni-

stehung elektrischer Ladung angegeben werden: Reibung der Hülle, Ballastwerfen, Ortsveränderung und Abziehen der Reißbahn.

Die Reibung der Hülle am Netz oder am Hoden ist längst schon in diesem Zusammenhang erwähnt worden. Wenn durch Reibung zwischen Hülle und Netz der Hüllenstoff negativ und die Seile des Netzes positiv elektrisch geworden sind, und wenn hierauf durch die vielen kleinen, abstehenden Fasern und Fädchen des Seilwerks dieses entladen ist, bleibt eine negative Ladung der Hülle zurück. Vielleicht noch stärker kann solche Ladung auftreten, wenn nach geschehener Landung der im Entleeren begriffene Hai Ion am Hoden gezerrt und gerieben wird. Ks ist aber diese Art von Elektrisierung an den isolierenden Zustand der Hülle gebunden und demnach nur dann zu vermuten, wenn vorher eine starke Sonnenstrahlung stundenlang auf die Hülle wirken und sie völlig austrocknen konnte.

Die Elektrisierung der Hülle durch Hallast werfen wurde in neuerer Zeit durch Eberl entdeckt. Versuche, die das hiesige LuftschifTer-bataillon ermöglichte, haben bestätigt, daß namentlich bei Reibung des herablliegenden Sandes an der äußeren Korbwand eine erhebliche und zwar positive Ladung des Ballons auf diese Art erzeugt werden kann. Ein mittels isolierender Seidenschnur an den Hoden gefesselter Ballon wurde durch Sandauswerfen bis zu -{- 2700 Volt Spannung elektrisiert.

Hei der Orlsveränderung des Ballons kommt in Betracht, daß die in den verschiedenen Ballonteilen befindlichen Klektrizitätsmengen sowohl mit einander wie auch mit der (negativen) Ladung des Erdkörpers in Wechselwirkung stehen, und daß jeder besonderen gegenseitigen Lage dieser Körper eine besondere Gleichgewichlsverteiluiig der Elektrizitätsmengen entspricht. Also entsieht durch Änderung der gegenseitigen Lage auch das Streben nach anderweiter Verteilung der Elektrizität, und die hierzu erforderliche Bewegung der elektrischen Ladungen kann nur geschehen, wenn die einzelnen geladenen Teile miteinander in leitender Verbindung stehen. Wenn aber, wie es nach längerer Fahrt in hellem Sonnenschein zu sein pflegt, Hülle und Seil werk ganz oder teilweis zu schlechten Leitern geworden sind, kann jene Bewegung nicht stattlinden, und statt ihrer treten Spannungen auf, die unter geeigneten Umständen zu Funkenenlladungen führen können. Hierbei kommen nicht nur die Bewegungen in Betracht, welche der Ballon als Ganzes relativ zum Erdboden ausführt, sondern namentlich auch die großen Änderungen in der gegenseitigen Stellung seiner Teile, welche eintreten, wenn beim Landen zuerst Schleppgurt und Korb aufsetzen, sodann die Hülle gegen den Korb sich senkt und zugleich in sich zusammensinkt, so daß ihr Ober- und Unterteil einander erheblich näher kommen.

Das Abziehen der Reißhahn endlich wurde als mögliche Elektrizitätsquelle ebenfalls angeführt. In der Tat kann man im Dunkeln deutliche elektrische Lichterseheinungen wahrnehmen, sobald ein in üblicher Weise mit Gummi auf Ballonstoff geklebter Streifen abgerissen wird. Indessen ist es trotz zahlreicher und mehrfach abgeänderter Versuche bisher nicht ge-

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lungen, hierbei mehr als eine bloße Glimmentladung zu erhalten. Ein Funken, wie er zur Zündung von Knallgas erforderlich wäre, ist keinmal bei diesen Abreißversuchen beobachtet worden, und daher scheint die Gefahr, welche an der Reißbahn entstehen kann, nicht eben groß zu sein.

Zur Verhinderung der Zündung wurde bereits vor 10 Jahren (Zeitschr. f. Luftschiffahrt u. Phys. d. Atmosph. 1893, Nr. 10, S. 238) vorgeschlagen, daß sogleich nach der Landung die Metallteile des Ventils gegen den Roden abgeleitet werden sollten. Diese Meinung war seinerzeit entstanden aus Erwägungen, denen von den vorerwähnten Möglichkeiten elektrischer Ladung nur die erste, betreffend Elektrisierung durch Reibung, zugrunde lag. Man verließ aber die anfänglich eingeführte Ableitung des Ventils und ersetzte sie auf Vorschlag v. Sigsfelds durch Imprägnierung des Ballons mit Chlorcalciumlösung in der Annahme, daß hierdurch der Stoff leitend gemacht und also eine Elektrisierung überhaupt verhindert werden könne. Indessen hat sich gezeigt, daß auch imprägnierter Ballonstoff nicht unbedingt gegen Trockenwerden gesichert ist. Die anfänglichen Versuche, über welche in der Maisitzung berichtet wurde, hatten das Verhalten imprägnierter Stoffproben gegen die Strahlen elektrischen Bogenlichtes zum Gegenstand und zeigten allerdings, «laß eine aus geringer Entfernung strahlende Bogenlampe den Stoff nicht völlig auszutrocknen vermochte. Seither wurden aber im hellen Sonnensehein weitere Slrahlungsversuche angestellt, und diese erwiesen die Möglichkeit einer völligen Austrocknung des imprägnierten Stoffes und des Verschwindens jeglicher elektrischen Leitungsfähigkeit unter Umständen, wie sie bei Luftfahrten an sonnenhellen Tagen sicher eintreten. Übrigens wurde, wie gesagt, die Imprägnierung zu einer Zeit eingeführt, in welcher man nur die Elektrisierung der Hülle durch Reibung kannte. Inzwischen haben wir auch die anderen genannten Enlstehungsweisen elektrischer Ladung keimen gelernt, welche durch Ghlorcalcium nicht beeinflußt werden, und also muß man nach sonstigen Sicherheitsmaßregeln Umschau halten.

Man versuchte nun, die elektrische Ladung durch radioaktive Stoffe zu hindern oder doch unschädlich zu machen. Solche Stoffe i Radium, Polonium und ihre Verbindungen) haben die Eigenschaft, Strahlen auszusenden, welche der von ihnen durchlaufenen Luft elektrische Leitfähigkeit erteilen. Es schien nicht undenkbar, durch Anbringen solcher Stoffe am Ballon entweder die Entstehung elektrischer Ladung ganz auszuschließen oder doch wenigstens eine so rasche Entladung zu erzielen, daß jede größere Ansammlung von Elektrizität unmöglich würde. Der erste derartige Versuch verlief folgendermaßen: Der, wie oben erwähnt, mit isolierender Seidenschnur an den Boden befestigte Ballon war durch Sandauswerfen stark elektrisiert worden. Ein am Boden stehender Beobachter hielt ein radioaktives Präparat (Badiotellur) in der Hand und näherte es dem Ballonkorbe. Hierdurch wurde in der Tal der Ballon entladen; die zwischen Präparat und Korbwand befindliche Luftschicht war leitend geworden und die Ladung des Ballons floß durch diese Luft und den Körper des Beobachters zur Erde. Aber das Vorhandensein

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leitender Verbindung mit dem Hoden war zum Gelingen dieses Versuches wesentlich, denn als der Beobachter nun auf isolierende Paraflinstücke gestellt und alles übrige unverändert wiederholt wurde, blieb die entladende Wirkung aus. Ebenso wirkungslos erwies sich die radioaktive Substanz, als man sie an der äußeren Korbwand befestigte. Es war keinerlei ableitender Körper in der Nähe, und die Ladung des Ballons gelang und verhielt sich nun ganz ebenso, wie ohne jenes Präparat. Dieser Versuch zeigte, daß bei einer Freifahrt irgend welche entladende Wirkung der radioaktiven Stoße nicht zu erwarten sei.

Die gewünschte Sicherheit gegen elektrische Zündung wäre gegeben, wenn es gelänge, den Ballon mit allen seinen Teilen elektrisch leitend zu machen. Denn alsdann würde beim ersten Berühren des Bodens durch Schleppgurt oder Korbboden alle etwa vorhandene Ladung sogleich gefahrlos zur Erde geleitet. Aber die Imprägnierung versagt, wie erwähnt, bei viel-stündiger Fahrt in starker Sonnenstrahlung, und andere Mittel zur Leitend-machung der Hülle kennen wir nicht. Daß z. B. die sogenannte «Bronzierung» des Stoßes nicht wirksam ist, zeigten bereits unsere Versuche von 1893.

Wenn es demnach nicht gelingt, den ganzen Ballon zum Elektrizitäts-leiler zu machen, so würde andererseits unsere Aufgabe auch gelöst sein, falls man es dahin brächte, daß der ganze Ballon isoliert oder doch schlecht leitet. Denn gefährlich ist ja eigentlich nicht das Vorhandensein elektrischer Ladung, sondern nur die Möglichkeit ihres raschen Auslließens in Form eines Funkens. Da aber allein in Leitern eine rasche Bewegung der Elektrizität stattfinden kann, so würde die Berührung des isolierenden Ballons mit dem Boden keine Funkenbildung entstehen lassen. Leider ist indessen die Herstellung des Ballons aus lauter schlechten Leitern erst recht nicht durchzuführen, solange wir die Melaliteile am Ventil nicht entbehren können. Und nun hesteht also der nach langer, sonnenheller Fahrt landende Ballon aus einzelnen teils gut, teils schlecht leitenden Stücken, welche beim Herabkonunen ihre Stellung zu einander ändern und ihre Ladungen da, wo Leiter einander oder den Boden berühren, in Form von Funken hergeben. Solche Gefahr ist an allen leitenden Teilen, und natürlich in besonders hohem Grade am Ventil vorhanden, weil teils ans dem zur Landung geöffneten Ventil selbst das Füllgas herausströmt, teils auch das aus dem Reißschlitz ausgetretene Gas vom Winde zum Ventil hingeweht wird.

Wollen wir nun die Gefahr der Zündung tunlichst verringern, so wird es nötig sein, so viel Ballonleile als möglich zu schlechten Leitern zu machen, diejenigen aber, bei welchen das nicht angeht, sogleich bei der Landung zum Boden abzuleiten. Man wird also auf das Imprägnieren verzichten können, dagegen ist dringend zu raten, daß das Ventil unmittelbar nach der Landung eine leitende Verbindung mit dem Boden erhält. Für diese Ableitung wurden verschiedene Vorsehläge gemacht und in der Oktobersitzung des Berliner Vereins für Luftschiffahrt besprochen. Gegen die Anbringung einer Drahteinlage in der Ventilleine machte Herr Haupt-

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mann v. Tschudi geltend, daß ein Seil viel .stärkere Dehnung vertrage, als ein Draht, und demnach die Einlage leicht reißen könnte, ohne daß man von außen her den Schaden bemerken würde. Eine Kette statt der Vcntil-leinc anzuwenden, widerriet Herr Geheimrat v. Bezold mit Hinweis auf die unsichere elektrische Leitung zwischen den Kettengliedern. Dem Vorschlag endlich, die Ventilleine mit einer äußeren Drahtspirale zu umgeben, hielt Herr Volkmann entgegen, daß beim Erfassen solcher Leine mit den Händen Schwierigkeiten eintreten würden, die im Augenblick der Landung und bei der zuweilen nötigen raschen Handhabung des Ventils gefährlich werden könnten. Die Ableitung des Ventils im Innern des Ballons erwies sich demnach als schwierig, und es schien deshalb empfehlenswerter, die vielleicht etwas umständlichere, aber mehr Sicherheit versprechende ältere Vorrichtung an der Außenseile anzubringen, nämlich mehrere « lose gewickelte Drahtspiralen mit einem Ende au das Ventil befestigt, während vom anderen Ende eine Schnur herabhängt. Nach der Landung wird mittels der Schnur die Spirale lang gezogen und das untere Drahtende an einen im Ballonkorb mitgeführten und mit Klemmschraube versehenen Eisenstab befestigt, dieser aber in angemessenem Abstand vom Ballon in die Erde gesteckt. Dann ist das Ventil sicher zur Erde abgeleitet, und seine etwaige Ladung kann keine Funken an gefährlicher Stelle hervorrufen».

Diesen, schon vor 10 Jahren (Zeitschr. f. Luftschiffahrt u. Phys. d. Atmosph. 1893, Oktoberheft, S. 244 > ausgesprochenen Vorschlag glaubt die Kommission lediglich erneuern zu sollen, falls es nicht noch gelingt, eine zweckmäßige Ableitungsweise des Ventils durch die Ventilleine ausfindig zu machen.

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Über die Bedingungen, unter denen die elektrische tadung eines £uJtballons

zu seiner Zündung fuhren kann.

Von Wilhelm Yolkinnnn. t)

Wir kennen bereits eine ganze Anzahl von Fällen, in denen Ballons durch elektrische Entladung entzündet und dann verbrannt sind, wir kennen andererseits heutzutage eine so große Anzahl von Ursachen dafür, daß ein Ballon kräftige elektrische Ladungen annehmen kann, daß man sich geradezu über die Seltenheit solcher Unfälle wundern muß. Diese Überlegung erweckt die Vermutung, daß zur Zündung des Ballons bei einer elektrischen Entladung eine ganze Anzahl von Bedingungen gleichzeitig erfüllt sein müsse und daß die Mehrzahl der Entladungen eine Gefahr für den Ballon nicht in sich schließe. Von dieser Vermutung habe ich mich leiten lassen bei einer Reihe von Versuchen, die über diese Frage Klarheit geben sollten.

Elektrische Entladungen zeigen sowohl in der Natur, wie im Labora-

') Experimfiital-Vortrap, gvhalUti im Berliner Verein lür LuflüihifTatirt am 19. Oktober 1'JtfX

torium einige verschiedene Erscheinungsformen. Sehr geeignet zu ihrer Beobachtung sind Influenz-Elektrisiermaschinen. Auf zwei nahe bei einander sich entgegengesetzt drehenden Hartgummischeiben sind Kränze von schmalen Zinnsireifen befestigt. Diese empfangen durch Reibung an vier kleinen Metallbüscheln die ersten Spuren von Elektrizität. Die geladenen Zinnstreifen beeinflussen sich, während sie an einander vorbeigehen, in zweckmäßiger, durch den Aulhau des Maschinchens bedingter Weise so, daß bald an den beiden Sammelstellen reichliche Mengen der beiden entgegengesetzten Ladungen sich ansammeln. An den Sammelstellen ist noch je eine Verstärkungsflasehe oder Leydener Flasche aufgestellt, durch deren Wirkung die Entladungen zwar seltener, aber ganz bedeutend kräftiger werden. Diese Flaschen sind geräumigen Sammelbecken vergleichbar, die, wenn sie vollgelaufen sind, von selbst umkippen und sich plötzlich entleeren. Es ist ferner eine kleine Vorrichtung, ein verschraubbarer Metallstift, angebracht, um die Verbindung der einen Verstärkungsflasehe mit den übrigen Metallteilen der Sammelstelle durch eine mehr oder weniger große Luftstrecke zu unterbrechen. Der Erfolg ist, daß die Flasche ihre Ladung nicht plötzlich abgeben kann, sondern nur einen mangelhaften Abfluß hat. An dieser Maschine lassen sich drei verschiedene Entladungslormen beobachten. Bei geeigneter Stellung der drehbaren Metallstäbe, nämlich wenn der negativ geladene wagerecht, der andere senkrecht steht, hört man ein scharfes Sausen und Zischen. Bei der umgekehrten Stellung der Stäbe erscheinen glänzende, laut knallende Funken und wenn nun durch Zurückdrehen der Schraube der Ablluß einer Leydener Flasche eingeschränkt wird, gehl der Ausgleich wenig leuchtend mit einem knatternden Geräusch vor sich, dem sich manchmal nach einiger Zeit ein knallender Funke anschließt. Im Dunkeln gesellen sich zu diesen hörbaren Unterscheidungszeichen auch noch sichtbare. Das Zischen ist begleitet von einem kleinen glimmenden Lichtschein, der knallende Funke erweist sich als ein einziger heller Lichtstreifen, der bei größerer Länge einen unregelmäßig gebogenen Verlauf hat, das Knattern endlich isl begleitet von einem vielfach verzweigten bläulichen Lichtbüschel, dessen Zweige meist den anderen Stab garnicht erreichen. Auch in der Natur finden wir diese drei Entladungslormen vor. Das zischende Glimmlicht isl nichts arideres als das Elmsfeuer der Seeleute. Der knallende Funke und das knatternde Büschel sind die beim Gewitter auttretenden unverzweigten und büschelartig verzweigten Blitze, denen entweder ein Donnerschlag oder ein prasselnder Donner folgt, das Donnerrollen, das sieb in beiden Fällen anschließt, kommt hauptsächlich auf Rechnung des Widerhalls an Wolken, Gebäuden und Wäldern. Hei sehr langen Blitzen zieht sich der Donner auch dadurch in die Länge, daß der Schall nur 3<>o Meter in der Sekunde durchläuft und daher von den verschiedenen Teilen der Blitzbalm nach einander ans Ohr gelangt.

Diese drei Entladungslormen haben nun ein sehr verschiedenes Verhallen einein entzündbaren Gasstrom gegenüber gezeigt. Während es leicht

gelang, selbst mit winzigen Funken das Gas zu entzünden, versagten Glimmlicht sowie die größten Büschel hierbei vollständig. Die Bedingungen für die Ausbildung der Funken und Büschelentladung gehen nach dem Angeführten stetig in einander über, es gibt daher eine Einstellung der Maschine, bei der man von vornherein nicht sagen kann, ob Funken- oder Büschelentladung aultreten wird. Ja, man ist in diesem Falle oftmals nicht imstande, zu sagen, ob die beobachtete Entladung als Funken- oder Büschel-entludung zu bezeichnen ist, da auch die Färbung beider Entladungsformen hier zum Verwechseln ähnlich werden kann. Es scheint hiernach, als ob ein Unterschied der Färbung in diesen beiden Fällen überhaupt nicht besteht, sondern dem Auge nur durch den ungeheuren Helligkeitsunterschied vorgetäuscht wird. In dem Gebiet der zweifelhaften Entladungsform verliert die aufgestellte Zündungsregel natürlich ihre Bedeutung,

Der Übergang von der Funken- zur Büschelentladung wurde hergestellt durch eine Unterbrechung der leitenden Verbindung einer Leydener Flasche mit anderen Maschinenteilen, durch eine sogenannte Funkenstrecke. Beabsichtigt war durch dieses Mittel eine Entladungsverzögerung und dies kann auch auf anderem Wege erreicht werden. Man unterscheidet gemeinhin zwischen Leitern und Nichtleitern der Elektrizität, eine bequeme Unterscheidung, die aber nicht der Wirklichkeit entspricht. In Wirklichkeit gibt es nur Leiter, aber während die einen der Elektrizität einen so guten Weg bieten, daß sie sich mit einer für uns geradezu unbegreiflichen Geschwindigkeit bewegt, einer Geschwindigkeit, die nahe an die des Lichtes herankommt, geht die Bewegung auf anderen langsamer, auf einigen sogar so langsam vor sich, daß in vielen Stunden erst ein Zentimeter zurückgelegt wird. Infolgedessen kann man leicht einen Leiter, z. B. ein Stück Bindfaden oder einen Holzstab auswählen, der gerade die gewünschte Entladungsverzügerung bewirkt. Zur Veranschaulichung kann ein einfacher Versuch dienen. Ein Doppelpendel aus leichtem Material, z. B. aus Silberpapier, verrät elektrische Ladungen bekanntlich durch das Auseinanderspreizen der beiden Pendel. Werden zwei solche an gläsernen Gestellen hängende Dop|>elpendel durch einen Bindfaden verbunden und wird mit Hilfe einer Leydener Flasche dem einen Doppelpendel Ladung zugeführt, so schlägt dieses sofort aus, während das andere erst nach einigen Sekunden seine Bewegung beginnt. Umgekehrt, sind beide geladen, und wird das eine durch Berührung mit dem Finger entladen, so beginnt das andere erst nach einigen Sekunden langsam zusammenzusinken. Das Leitvermögen des Bindfadens läßt sich durch Austrocknen und Anfeuchten fast beliebig vermindern und vermehren.

Die Zündungsversuche, deren Ergebnis im allgemeinen Umriß bereits mitgeteilt ist, wurden mit einem Funkenmikrometer angestellt. Ein solches besteht aus zwei isolierten Kugeln in meßbar veränderlichem Abstände von einander. Bei dem von mir benutzten Exemplar geschieht die Änderung des Abstände? mit Hilfe einer Sehraube und kann bis auf Zehnlehnillimeter genau abgelesen werden. Die Kugeln haben 1 cm Durchmesser und sind

IlliiMr. A.rrmaul Vitt. ü. VII, Jiilirp. ' ''

mit 1,5 cm langen Metallstielen in Hartgummistützen befestigt. Den Kugeln wurde die Elektrizität durch zwei ganz wenig angefeuchtete Bindfäden zugeführt, deren Leitungsvermögen so gering war, daß während der Zeitdauer der Entladung keine merkliche Ladung zugeführt werden konnte. Für die Entladung stand also immer nur die Elektrizitütsmenge zur Verfügung, die sich gerade auf den beiden Messingkugeln und ihren Stielen befand. Um aber auch bei denselben Spannungen mit größeren Ladungen arbeiten zu können, waren Metallscheiben verschiedener Größe mit einem Stiel so hergerichtet, daß sie an die Mikrometerkugeln in geeigneter Stellung angehängt werden konnten. Endlich konnten für noch größere Elektrizitätsmengen Lcydener Flaschen mit dem Mikrometer gut leitend verbunden werden. Unter geeigneten Versuchsbedingungen, zu denen vor allem Bestrahlung der Kugeln mit hellem Tageslicht gehört, kann aus der Schlagweite bei der Entladung die Spannung mit hinreichender Sicherheit festgestellt werden nach den Tabellen, die einige Forscher hierüber zusammengestellt haben-

Die Versuchsergebnisse mit dieser Anordnung waren nun folgende: Bei einem Kugelabstande von weniger als 0,6 mm, entsprechend einer Spannung von weniger als 3000 Volt, gelang es niemals, den einem Gasbrenner entströmenden Leuchtgasstrom durch die Entladung zu entzünden. Es war dabei das Gas in den verschiedensten Verhältnissen mit Luft vermischt. Wurden nur die Mikrometerkugeln angewandt, so erfolgte Zündung bei 0,ö bis 0,9 mm Kugelabstand, also bei Spannungen zwischen 3000 und 4500 Volt. Fügte man den Kugeln 3 cm große runde Zinkscheiben zu, so konnte mit Entladungen von 0,ö bis fast 2 min Länge, d. h. mit Spannungen von 8000 bis etwa '.KHK) Volt gezündet werden. Für Scheiben von lö'/a cm Größe ergaben sich die Zahlen 0,U bis 4 mm und 3000 bis 15 000 Volt und für Leydener Flaschen wurde anscheinend mit diesen Hilfsmitteln die obere Grenze nicht erreicht. Bei höheren Spannungen als den für jeden Fall angegebenen wurde entweder keine Entladung mehr zustande gebracht oder eine mehr oder weniger deutliche Büschel-, gelegentlich auch Glimmentladung beobachtet. Die Ergebnisse sind in guter Übereinstimmung mit den von anderer Seite, insbesondere von Töpler ausgeführten Strommessungen, bei denen sich herausstellte, daß jede Entladung in Gasen beginnt mit einer Glimmentladung, mit wachsender Stromstärke übergeht in Büschelentladung und endlich oberhalb eines gewissen Wertes der Stromstärke sich in Funkenentladung oder bei ausreichender Elektrizitätszufuhr in einen Lichtbogen verwandelt.

Machen wir nun von diesen Erfahrungen Anwendung auf den Kugelballon, so drängt sich die Frage nach der Leitfähigkeit der Teile des Ballons in den Vordergrund. Unbedingt gute Leiter sind die Metallteile. An solchen hat der Ballon das Ventil, den Bing und den Korbbeschlag, ferner das Schlepptau, falls es eine Mctalleinlago enthält. Als unbedingt gute Leiter sind lerner die Korbinsassen anzusehen. Sehr veränderliche Eigenschaften zeigen die übrigen Teile des Ballons, insbesondere Ballonhülle,

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Netz und Leinen. An feuchten Tagen sind sie geeignet, einen geladenen Ballon in Bruchteilen einer Sekunde völlig zu entladen. An trockenen Tagen gewinnt der Diagonalstoff schon ein leidliches Isoliervermögen und nach mehrstündiger Sonnenbestrahlung können StoiT, Netz und Leinen praktisch für Nichtleiter angesehen werden, ja der StofT wird sogar bei der geringsten Reibung mit einem Leiter oder Nichtleiter sofort elektrisch. Dies bezieht sich auf Diagonalstoff, wie er aus der Fabrik kommt. Fertige Ballons werden, wie Sie wissen, nach v. Sigsfelds Vorgang mit Chlorcalcium-lösung behandelt. Chlorcalcium wird von den Fabriken in zwei Formen in den Handel gebracht, als wasserfreie körnige Masse und in großen klaren Kry-stallen, zu deren Bildung je ein Molekül wasserfreies Salz mit ß Molekülen Wasser zusammentritt. Beide Stoße ziehen aus der Luft Wasserdampf an und zerfließen, indem sie sich im angezogenen Wasser lösen, wenn man sie in offenen Gefäßen aufbewahrt, und das Salz friert aus dieser Lösung erst bei 18° Kälte aus. Während aber wasserfreies Chlorcalcium begierig selbst die geringsten Spuren von Wasserdampf aufsaugt, ist das Verhalten des kristallisierten Salzes sehr von der vorhandenen Luftfeuchtigkeit abhängig. Da es gelungen ist, im Vacuum dem Salze sogar i Moleküle seines Krystallwassers ohne Temperaturerhöhung zu entziehen, so ist anzunehmen, daß es auf der durch Sonnenstrahlung oft bis auf 00 und mehr Grad über die Umgebung erwärmten Hülle und in der äußerst trockenen Luft der höheren Schichten mindestens sein Lösungswasser verliert und auskrystallisiert. In dieser Form aber leitet es nicht merklich und hätte demnach den Zweck, leitend zu machen, verfehlt. Versuche mit Ballonstoßen, die das kgl. LuftschifferBataillon hierzu freundlichst hergab, haben diese Überlegung in vollkommenster Weise bestätigt. Selbst im September wirkte die Sonnenstrahlung durch das geschlossene Fenster hindurch noch kräftig genug, um binnen 3 Stunden Diagonalsloff, der gut mit Chlorcalciumlösung durchtränkt war, so auszutrocknen, daß seine Leitfähigkeit bis auf fast unmerkliche Spuren verloren gegangen war. Nach diesem Versuch blieb der Stoff in dem übrigens nicht auffällig trockenen Zimmer hängen und hatte am nächsten Morgen, nach zwanzig Stunden, noch nicht merklich größere Leitfähigkeit. Der einzige Unterschied gegen den nicht getränkten Stoff war, daß es nicht gelang, ihn durch Reiben elektrisch zu machen. Es war dieses das Ziel, das bei der Einführung des Verfahrens erstrebt wurde, und es scheint, daß dieses Ziel auch wirklich erreicht worden ist.

Also der Ballonstoff, und ziemlich ebenso Netzwerk und Leinen haben je nach den Verhältnissen eine sehr verschiedene Leitfähigkeit. Bei feuchtem Wetter entlädt das aufsetzende Schlepptau den ganzen Ballon fast augenblicklich, bei feuchtem Wetter sind also elektrische Ballonentzündungen ausgeschlossen. Bei trocknem Welter isoliert der Ballon, auch wenn er mit Chlorcalcium gestrichen war. gut genug, um seine Ladung nicht zu verlieren bis zur Berührung jedes Ballonteiles mit dem Boden oder anderen Leitern. Die Ladung der trocknen Hülle und des Netzes kann dabei der

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grollen Enlladungsverzögerung wegen nur in Büscheln, nicht aber in Funken erfolgen. Eine Zündungsgefahr ist also nach den früheren Versuchen hierbei nicht vorhanden. Anders liegt die Sache bei den Metallteilen, diese werden ihrer beträchtlichen Größe wegen stets mit einem Funken sich entladen. Korbbesehlag und King sind ungefährlich, weil sie nicht mit dem entzündbaren Gemisch von Ballongas und Luft umgeben sind. Anders das Ventil. Es wird von den aus der Beißöffnung strömenden Gasen, die der Wind ihm gut mit Luft gemengt zuführt, geradezu umspült. Fast sicher muß eine Zündung in diesem Falle eintreten, wenn das Ventil nach dem Ziehen sich nicht ganz tadellos geschlossen hat, ein Fall, der immerhin recht leicht eintreten kann, ferner, wenn das auf dem nicht völlig entleerten Ballon isoliert liegende Ventil vorzeitig durch hinzutretende Menschen berührt wird

Endlich ist noch ein Fall der Gefahr vorhanden, der bei sehr ungleichmäßigem und sorglosem Streichen eines neuen Ballons mit Ghlorcalcium vielleicht eintreten kann. Nämlich der, daß der Ballon nasse Flecke bekommt, die rundum von troeknem. daher isolierendem Stoff umgeben sind und daher nicht abgeleitet werden können. Es hat sich gezeigt, daß ein solcher Fleck, wenn er naß genug ist, sich mit gefährlichen Fiinkehen entladen kann. Nach einer längeren sonnigen Fahrt kann aber dieser Fall nicht eintreten.

Schließlich ist noch zu bemerken, daß die Gummizwischenlage die beiden Seiten des Stoßes in elektrischer Beziehung ganz vorzüglich von einander trennt. Es kann daher vorkommen, daß eine Seite gut leitet und die andere gut isoliert. Im Innern eines mit Ghlorcalcium gestrichenen Ballons wird stets eine beträchtliche Feuchtigkeit herrschen und der Stoff daher innen trotz der hohen Temperatur vielleicht noch merklich leiten, wenn er außen bereits sehr gut isoliert.

Ich möchte nun versuchen, einen kleinen Ballon durch elektrische Entladung zu entzünden. Mein Versuchsballon ist eine aus Ballonstoff geklebte Tasche von einigen Litern Inhalt mit einem erbsengroßen Loche, das mit Seidenpapier verklebt ist. Diese Tasche ist mit Leuchtgas gefüllt und hängt an zwei gläsernen Ständern. Dicht über dem verklebten Loche befindet sich der Band einer leichten, 15 cm großen, runden Zinkseheibe, die auch durch einen gleich großen triefend nassen Fleck ersetzt werden kann. Öffnet man mit einer Nadel «las Loch, lädt den Ballon mit Hilfe einer Leydener Flasche und entlädt ihn, indem man dicht über dem Loche der Melallscheibe den Finger nähert, so tritt, wenn jalles gut geht, dabei Zündung des Gases ein.1)

Ein Umstand, der bei solchen Zündungsversuchen mit einer aus neuem

1 Infol^«- >lcr Utiruln- .l<-r Lud im Saale gelang dpr Versuch nicht ganz nach Wunsch. Ks mag Im in. rkl \m r.l'-n. .Uli er <->jwohl mit Wa!-s<r*tuff wie mit Leuchtgas /war nicht fiunz leicht, aher nach i-uu.'i-r I 1-tui^ reiht si. her gelingt, wuiin man nur die Sj>,iiiimi.j Ivi der Ladung innerhalb <l<-r oben am'.'l:, Ixüiiüi (irmzui hält.

Ballonstoff geklebten Gastasebe mehrere Male binderlich war, soll noch erwähnt werden. Es gelang nämlich mehrfach nicht, die Tasche elektrisch zu laden, trotzdem eine merkliche Leitfähigkeit des Stoffes festgestellt werden konnte oder, richtiger gesagt, die Ladung verschwand so schnell — oft in weniger als einer Sekunde —, daß man mit dem Entladungsversuch immer zu spät kam. Wurde die Tasche einen Augenblick über kochendes Wasser gehalten, so gelangen die Versuche alsbald. Veranlaßt wird dieses Verhalten durch die vielen kleinen Härchen, die neuem Ballonstoff eine gewisse Rauhigkeit geben und durch den Gebrauch allmählich abgerieben werden. Sind sie trocken, so sträuben sie sich unter dem Einfluß der elektrischen Abstoßungskräfte empor und wirken dann als Spitzen. Wie groß die entladende Wirkung bereits einer Spitze ist, wird Ihnen ein kleiner Versuch zeigen. Ich lade eine mittelgroße Leydener Flasche und entlade sie durch Annäherung einer Kugel mit einein laut knallenden Funken. Ich lade die Flasche noch einmal in derselben Weise und nähere ihr nunmehr eine gut geschärfte Spitze in etwa 10 Sekunden langsam bis zur Berührung vorschreitend. Nur im letzten Augenblick ist ein winziges Fünkchen erkennbar. Fast die gesamte Ladung dieser Flasche, nämlich etwa soviel Elektrizität, wie sich auf einem ganzen Ballon bei 10 000 Volt findet, hat die Spitze in etwa 10 Sekunden entfernt. Im Dunkeln hätte man feststellen können, daß dies durch Glimmentladung geschehen ist. Wäre die Spitze nicht der Flasche genähert, sondern an ihr befestigt worden, so wäre die Entladung auch, aber freilich viel langsamer erfolgt.

Fassen wir das Ergebnis noch einmal kurz zusammen, so lautet es:

Ungefährlich sind Ladungen auf trockenem oder mäßig feuchtem Ballonstoff und Netzwerk.

Gefährlich sind Ladungen auf dem Ventil und auf triefend nassen Stellen, sobald Hülle und Netzwerk isolieren.

Hülle und Netzwerk isolieren nach sonniger Fahrt binnen kurzem, auch wenn sie mit Chlorcalcium gestrichen sind.

Als wirksamer Schutz gegen elektrische Gefährdung des Freiballons bleibt also nur ein Verfahren, das von anderer Seite schon vor 10 Jahren vorgeschlagen worden ist, nämlich metallische Ableitung des Ventiles zum Ring und Korbbescblag.

Internationale Kommission für wissenschaftliche Luftschiffahrt.

Vorläufiger Berieht Uber die Internationale Ballonfahrt tom 4. Dezember 11)02.

\NafhiEi'lrajren, weil im lieft 8 aus Versehen im Sali: zurückgeblieben.) An der internationalen r'ahrl beteiligten sich die Institute: llteville, Chalais-

Meudon, Stmfiburg, Berlin A. O., Berlin L. B.. Wien Mililär-LuftsehifTer-Abteilung. Rom.

Pawlowsk und Blue Hill bei Boston (Amerika).

Über die Auffahrten liegen folgende vorläufige Resultate vor:

Itteville. Registrierballon auf Hh45. Temp. am Boden —4-,8°; grüßt« Höbe

14823 m; tiefste Temp. — 52,y°.

•fr»» 106 «414«

< luilnis-Meudon. Per hier aufgelassene Begislrierballon King verloren.

Strafibiir?. J. Gummiballon auf !)•'():■{. Landung bei Nor di ach (Baden». Temp. am Hoden —7,Kg: größte Höhe HtöOO ni; Min.-Temp. — n7>.2°.

2. Gummiballon-Tandcm auf!)1» 19, Landung bei Grafcnsladen bei Slraßburg. Temp. am Boden — 7.8°: größte Hobe .5120 in: Min.-Temp. — 17.!»°.

Berlin, A. O. Drachenaufstiege am Vorlage: 1. 10*» 3:-! bis 12'» 40 p. Temp. unten

— 11°. bei 470 m Höhe — lö,l"; größte Hohe (»4«! in bei — 10.5«.

2. 4»'Ofi bis 4'>.'0p Diarhenballon. Temp. unten — «1.4 ■', in nlS m Höhe —12°. Drachenaufstiege am 4. Dezember von iD'Oöa bis l2*'4Hp. Temp. unten —11.8°; größte Höhe 17<ü7 m bei — Di".

Gummiballon auf 7*'20 a, Landung bei Marquardt (Ost-Havelland'!. Temp. am Boden

— 11.")»: größte Höhe 144<>ö in bei — 35°: tiefste Temp. — H>.7Ü in !Wi70 m Höhe

Berlin, L. H. Hemannter Hallon. Führer: Oberleutnant Hildebrandt. Auffahrt IO''HOa. Landung 3*' p nordwestlieh Dittfurt. Temp. bei der Auffahrt -—13,2"; «roßte Höhe im in: Min.-Temp. — lÖ.2n.

Wieu, Militär-Lultsr-Iiifler-Abteilung. 1. Hemannter Hallon mit Oberleutnant v. Herrnritt und Dr. Conrad. Auffahrt 7h 2H a, Landung 11*'10 bei Somiiierain. Temp. bei der Auffahrt - <i.ö°; größte Hohe 4200 m bei —21.4".

2. Registrierballon auf 7,l4f)a, Landung bei Mocsonok lObcrungarn). Resultate nicht bekannt.

Rom. Hemannter Ballon der Militär-aeronautischen Anstalt. Beobachter: Prof. Pochetlino, Führer: Leutnant Oianelti und Polenghi. Auffahrt 7"38. Landung 5»*'4f»a bei Fiumieim» iTiher-Mündungi in der F.nlfernung von nur 200 in vom Meeresufer. Temp. bei der Auffahrt «,HU: größte Höhe 27<i(> rn; Min-Temp. — 8,lu.

Pnwlowsk bei St. Petersburg. Gummiballon-Tandem auf 10»25, Landung bei Ssala. Temp. am Hoden — 20,7Ü; größte Höbe 17700 m; Min,-Temp. — <i3.">' bei 11220 m Höhe.

Blue Bill Olrservntorj bei Hosion (Amerika). Die Drachen erreichten hier nur eine Höhe von 11(10 in. da die Winde nicht genügend stark waren, um größere Höhen zu erreichen. Der anfanglichen Teniperaturabnahme folgte in KHK) m Höhe eine Invcr-sionsschiebt. in welcher sich die Temperatur wieder hob. Am Boden wurden gleichzeitig elektrische Messungen gemacht. Das Potentialgefälle schwankte zwischen 3(X) und 480 Volt; Poteiitialmessungen mit Hilfe der Drachen zu machen, gelang wegen verschiedener Imstande nicht.

Iber Kurojia lagerte nördlich der Alpen ein Hochdruckgebiet, dessen Kern sich Über Skandinavien befand. Der Luftdruck nahm stetig nach Süden zu ab. Jenseits der Alpen lagerte eine Depressionszone über Italien und dem Mittelmeer. Die Aufsliege nördlich der Alpen fanden demgemäß in einem Hochdruckgebiet, die italienischen in einem dachen Depressionsgebiet statt.

In Amerika fanden die Aufstiege in einem Rücken hohen Luftdrucks statt, der sich zwischen zwei Zonen niedrigen Drucks, die südlich und nördlich des Observatoriums lagen, hineinschob. Die südliche Zone entwickelte sich am folgenden Tage zu einem heftigen Sturm, nach dessen Abzug aus dem Hochdruckgebiet im Innern eine sogenannte « Kältewelle • folgte.

Kleinere Mitteilungen.

Die Geldmittel zum Kau von Luftschiffen können, wie Spenzer uns zeigt, auf sein- verschiedene Art erworben werden. Die Gesellschaft Mellins Food Limited hatte sich u. a mit läou JT beteiligt, von denen aber zunächst nur 1000 ausbezahlt wurden, wogegen Spenzer die Aufschrift «Melliris Food Limited! Bestes .Speisepulver» in Biesen-

leltcrn an seinem Ballon in die Lüfte lieben und damit 25 Falliten um St. Paul machen sollte. Obwohl nun Spenzer keine von diesen Kahrten ausführte, klagte er doch die Gesellschaft um den Rest ein und verlor den Prozeß. K. N.

Am 12. September brachte die «times» niftcorolofrisrh« VorherRiijrunjreii auf drei folgende Tage, gegründet auf drahtlos von Amerika, vielleicht unter Mitbenutzung von Stationen auf Schiffen, einlaufende Angaben. iNach Fonvi.ll,-.)

Cbunireii der LuftschifTenibteUiiiijr zu Thom. Das Gelände, in welchem die Luftschifferabteilung zu Thorn ihre Übungen abzuhalten hat. wird durch den Weichselstrom dessen Bett bei normalem Wasserstande 'Alb m breit ist, in zwei Gebiete geschieden. Die Station für die militärischen Luftballons nebst den Füllungseinrichtungen befinde! sich auf dem rechten Weichselufer. Da aber der große Fuß-artillcric-Schießplatz links der Weichsel gelegen ist und dieser außer zu den Schießübungen der Artillerieregimcnter auch vielfach zu anderen militärischen i billigen benutzt wird, ergibt sich oft die Notwendigkeit, den Fesselballon in gefülltem Zustande auf die linke Seite der Weichsel zu transportieren. Die Kisenbahnbriicke läßt sich für einen solchen

Transport nicht benutzen. Deshalb hat die Luflschiffer-abteilung in diesem Sommer sich zum HinüberschafTen des Ballons der Personentrajekl-dampfer bedient. Linen solchen hochinteressanten Transport veranschaulichen wir heute in zwei Bildern.

Nach erfolgter Füllung wird der Luftballon von einer Abteilung Soldaten an langen Stricken auf einen freien Platz geschafft, wo die Gondel und vier ca. 20 in lange Taue an den Kranz des Ballonnelzes gebunden werden. Am untern Ende der vier Taue befinden sich halbkreisförmige Ringe. In diese werden SO bis in mit Handgriffen vergebene L'inen gehakt, an denen eine Abteilung Soldaten den Luftballon zu einer Hohe von ca. .'in in aulläßt, in dieser Höhe hält und die Straße entlang führt. Passiert der Transport eine Telegraphciilcitung. so wird der Ballon vorsichtig von der halben Soldatenabteilung an zwei Tauen gehalten, die anderen beiden Taue werden über die Telegraphendrähte geworfen, darauf zieht an den hinübergeworfenen Tauen

l

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die zweite Mannschaftshälfte den Ballon auf die andere Seite, worauf auch die Leinen der ersten halben Abteilung hinübergehen werden können.

Das Bild 1 zeigt, wie der Luftballon, gehalten von ca. :*>() Mann, auf der Uferstraße an der Dampferanlegestelle eingetroffen ist, um den Trajektdampfer zu besteigen. Bild II stellt die Überfahrt des Dampfers mit dem Luftballon und dem Kommando ülwr den Weirhselstrom dar. Der Ballon inufi dabei mindestens in einer Höhe von 30 m gehalten werden, damit etwaige Funken ihn nicht berühren können. Bas Besteigen und Verlassen des Dampfers durch die Transportmannschaften erfolgt in zwei Abteilungen. Während die eine Hälfte den Ballon auf dem Dampfer bezw. l'fer hüll, betritt bezw. verlaßt die andere Hälfte das Schiff, und erst wenn diese die Seile straff anziehen und halten kann, folgl ihr die erste Hälfte der Mannschaften nach. (Iii.

J

II.

J. R. Ein Strofiburjrer Krfimler eines „Lenkbaren LuMsehines". Mit der AufRahe, ein lenkbares Luftschiff zu erbauen, hat sich auch ein Slraßburger Bürger vor nunmehr 100 Jahren schon ernsthaft beschäftigt, wie aus nachstehendem Briefe hervorgeht, den er unter dem 27. liminaire 12 (Dl. November IH03 an den Verfasser des «Straßburger Weltboten» sandte: «Bisher*bestund unsere ganze Kunst, in dem was die Luftbalten betrifft, in deren Verfertigung und in ihrem Anfüllen, entweder mit einer erwärmten oder brennbaren Luft. Hatte sich aber einmal der Luftballen in die Höhe geschwungen, so fand er sich ganz allein der Gewalt und Richtung des Windes ausgesetzt. Der Nutzen und der Gebrauch der Luftballen ward dadurch sehr beschränkt, und die Luftreisen waren beinahe für nichts anderes, als Lustreisen anzusehen. Diese sind zwar nicht so gefährlich wie ehemals, seil der schönen Erfindung der Kallschirme. Aber das Mittel, nach Willkür mit einem Luftballen sich von einem Ort zum andern zu begeben, war bis jetzt verborgen geblieben. Ein Liebhaber der Kunst aus dieser Stadt hat dieses Mittel entdeckt Es ist ebenso einfach als leicht und weniger kostspielig. Keine andern als mit brennbarer Luft angefüllte Ballons können dazu gebraucht werden, weil sie im Durchschneiden der Luft weniger Widerstand als die andern leisten. Dem Wind aber völlig entgegenzufahren, ist in der Luft aber ebenso wenig möglich, als auf der See: hier wie dort muß man sich begnügen, wenn der Wind zu ungünstig ist, neben der Richtung, der man folgen will, eine andere schiefe Richtung zu nehmen, um eine andere Richtung zu finden, wo ein Wind herrscht, der der Reise günstiger ist. Das

»»» 409 «44«

Verfahren hierbei soll bekannt gemacht werden. Indessen, um die Epoche der Erfindung

festzusetzen, sind Sie gebeten, diesem Schreiben einen Platz in Ibrem Bialle einzuräumen.

D, C.arondelel.» Ob und wann da« Verfahren bekannt gegeben wurde, konnte leider

nicht festgestellt werden. Wahrscheinlich war es doch nicht so einfach, leiclit und

wenig kostspielig, denn heute noch plagen sich unsere « Liebhaber der Kunst» ah, das Mittel zu linden, «nach Willkür mit einem Luftballen sich von einem Ort zum andern

zu begeben«. (Straßb. Post.)

Dauerfahrt des Erzherzogs Leopold Salvator von Paris nach Lübeck. Der Ballon «Centaure», mit welchem Erzherzog Leopold Salvator am 8. Oktober nach einem Festmahle im Aeroklub seine Fernfahrt antrat, stieg als letzter von 4 an diesem Tage vom Park in St. Cloud aus aufgellogenen Ballons um + Uhr in die Lüfte. Mit ihm waren Graf Henry de la Vanlx und Oberleutnant v. Corvin. Der «Centaure ist ein gewöhnlicher Kugelballon von 1600 cbm Inhalt. Es war ursprünglich beabsichtigt, den Doppelballon «Djinn», den de la Vaulx zu seiner Kanalfahlt benutzt halte, zu nehmen, doch waren dessen Reparaturen nicht so rasch zu erledigen. Das Welter war trüb, feiner Begen und Dunst füllte die Luft. Die Fahrt ging unter gleichmäßiger Steigung bei Argentcuil über die Seine, um 4 lihr 40 M. waren nördlich Chanlilly 700 m erreicht, um 4 Uhr 50 M. 800 m. Allmählich wendete sich der Wind, der Ballon zog über Compiegne, St. Quintin, hier um 5 Uhr 45 M. den «Orient» überholend. Die Nacht brach ein, um 7 Uhr 30 M. wurde Namur überflogen und da um 8 Ihr 45 M. der Mond sichtbar wurde, konnte 8 Uhr 45 M. die Überschreitung der Maas, um 10 Uhr des Itheins, erkannt werden. Um 2 Uhr 30 M. zog der Ballon, der 1300 m erreicht hatte, ober die Weser, um 3 Uhr 30 M. über die Klbe. Es stellte sich Nebel ein und gegen 4 Uhr wurde schon das Vernehmen von Lauten, die dem Festlande noch angehören mußten, von Bedeutung, denn das Meer mußte schon sehr bald nahe kommen. Als der Lärm einer großen Sladt, Fabrikpfeifen, die zur Morgcnarbeil rufen, hei auftönen, kann die Zeitdifferenz gegen Paris (« Uhr gegen 5 Uhr 20 M.i festgestellt werden. Bald darauf werden Laute vernommen, die von Schiffspfeifen herrühren und sehr zur rechten /eil wird die Landung 5 Uhr 50 M. vollzogen, denn der Ort Klingberg. Gemeinde Gleschendorf, nahe nordöstlich Lübeck, wo der Ballon in sumpligein Gelände zur Erde kam, liegt ca. 4 km vorn Strand, so daß nach dem gegebenen Verhältnis von Wind und Flughöhe ein nur wenige Minuten später gefaßter Landungsentschluß den Ballon nicht mehr auf Festland herabgebracht halle. Der noch übrige Ballast i MO von 400 Kilo) hätte noch eine längere Fahrt gestattet, doch wäre an eine solche über die Ostsee, in Nordostrichlung, nicht zu denken gewesen. Es waren 850 km in 14 Stunden, also rund HO kin pro Stunde zurückgelegt worden. Ein bestimmter Plan war der Fernfahrt nichl zugrunde gelegen, nur die Absicht, mit dem zu erwartenden Westwind so weit als möglich nach dem östlichen Europa zu gelangen. Die drei Luftfahrer konnten für alle Fälle mit ihren Erfahrungen rechnen, denn der Erzherzog halte schon 23, de la Vaulx 9H und v. Corvin 57 Aufstiege gemacht. Nicht ohne Interesse, auch für die Frage der Windbenützung ist es, die drei anderen Ballons in ihrem Laufe zu verfolgen.

• Der aus heller Seide hergestellte Ballon «L'Oubli» (1000 cbm) fuhr 3 Uhr 35 M., besetzt mit Miß Moulton. Herrn A. Lagrand und Graf Arn. de Contades, langsam auf und schlug nach einigen Schwankungen Nordrichlung ein. Er landete nach 134 km langer 1'/* Stunden dauernder Fahrt nördlich Ainieiis.

Der «Aeroklub Nr. 2» <H50 cbm) folgt 3 l'hr 43 M. mit Herzog und Herzogin d'Uzes, dem /eichner Sein und Herrn Jaqu. Faure. Er landete um 11 Uhr bei Zundert i;La Haye) in Holland nach I'.l.'i km Fahrt.

Als dnlter. jedoch nur ca. eine Minute vor Abfahrt des «Centaure», stieg «TOrient» (1000 cbim auf, mit welchem Don jahne de Bourhon und Graf Caslillon de St. Victor fuhren und der nach Ziiriicklegutig von 170 km um Ii Uhr bei Cambrai landete. Sein Auftrieb war stärker als der seiner beiden Vorläufer. Die Windrichtung war sich ganz

lllu»tr. Aeronuut. Mittel), VII. Jahrg.

gleich geblieben, du» Geschwindigkeit war in den unteren Seliichten geringer, als in der Höhe, in der der «llcnluun*' (lug.

Erzherzog Leopold Salvator halte den Aurstiegen der anderen Ballons beizuwohnen gewünscht, daher die Beihcrifolge. Mit besonderem Interesse mag er den «Aeroklub Nr. 2» betrachtet und sieh an seine erste Luftfahrt mit de Ii Yaulx am 22. Juli 1900 erinnert haben. K. N.

Zur feierlichen Einweihung: des Simnloudiirchstichs veranstaltet die Stadt Mailand vom April bis Oktober 1!Mi.r> eine große Ausstellung für Verkehrsmittel. Sicherheitsvor-richlungen pp,, wobei der Luftschiffahrt der größte Baum zugemessen ist. den sie jemals neben andern Transportmitteln eingenommen hat. Sie wird die Sektion 7 bilden und umfassen: 1. Konstruktionsmaterial: 2. Ballons, frei oder Fessel-; 3. «Lenkbare»; •L Flugmaschine; 5. Motoren: Ii. Gase (Wasserstoff und Sauerstoff): 7. Meteorologie; H. Verschiedenes. Auch Entwicklungsgeschichte kommt in besonderer Abteilung zur Gellung. Anmeldungen sollen vor dem 31. Mai l!HK unter Zahlung einer Einschreibegebühr von 10 Lire erfolgen Beiträge zur geschichtlichen Ausstellung frei). Besondere Platztaxen sind, als besondere Vergünstigung, den Ausstellern für Luftschiffahrt erlassen. Unter den Komiteemitgliedcin beiludet sieh Forlanini. K. N

Ein neues sralvaiilsclies Element sollen zwei Ungarn, Heinr. Csanyi und Gahr. Bar«"zv gefunden haben. Sie verwenden eine neue Flüssigkeit, eine Mischung von Cyankati und Alkohol. Die Erfindung ist schon überall patentiert Die Erfinder selbst sagen, daß zwar die Dynamomaschine durch die neuen Batterien noch nicht ersetzt sei, doch sei auch auf dein eingeschlagenen Wege noch nicht das Mögliche erreicht. Fraglich ist vorerst die ökonomische Seite, doch soll festgestellt sein, daß der Zinkverbrauch ITH 1 » g pr. lleklowatlstunde beträgt. Das wäre zunächst billiger als die Stromlieferung durch Dynamos. K. N.

lHe irrofie Bejreisterunpr In Brasilien ober Santos Dumorits Leistungen, welche schon bei seinem Eintreffen in überschwenglichster Weise zum Ausdruck kam. führte auch dazu, ihm eine sehr hohe Summe als Ehrengabe anzubieten, die er jedoch ausschlug, indem er beantragte, es solle vielmehr ein Breis für einen in Bio de Janeiro auszutragenden internationalen Luflsehiffer-Wetlkampf 'ganz unabhängig von der Ausstellung in St. Louisi aufgestellt werden. Die brasilianische Regierung hat auch diesem Vorschlag entsprechend einen Preis von öOOOtMJ Fr. (200 Conlos Reisi ausgesetzt, um den innerhalb des Zeitraums von Sonnenaufgang des 13. Mai IHO-1 (Jahrestag der Sklaven-einanzipation» bis ind. 30. Dezember gekämpft werden soll. Als Aufgabe ist ge-

stellt, von der Militärschule aus aufsteigend zu der auf einer Insel der Bai liegenden Marineschule zu fahren, dort eine Botschaft abzugeben und mit der Antwort auf diese wieder zur Militärschule zunickzukehren, hierbei auf dem Hin- oder Rückwege den auf einer Halbinsel südlich der Stadt gelegenen Felskegel des «Zuckerhut> zu umkreisen. Bei der ganzen, etwa 2-1—25 km langen Fahrt, welche über die Forts der Stadt hinweg und zum größten Teil über das Meer, die Heede von Rio hinführt, hat der Bewerber noch einen Passagier niitzubefördern. Santos Dumorit, der am IL Oktober mit Ehren und einer Menge kost bar >ter Geschenke beladen von Brasilien wieder nach Paris heimgekehrt ist. erwartet sicher, mit einem seiner Ballons, dem Nr. fi oder einem ihm ähnlichen, die besten Leistungen unter den Bewerbern zu erzielen. Die Preisrichter dürften bei dem Bestreben nach gerechter Vergleiclmng der Leistungen einen schweren Stand bekommen, da nicht nur Santos Unmonl die Tage schwächsten Windes ins Auge fassen wird, während auf völlige Windstille an der Meeresküste kaum ausnahmsweise zu rechnen ist ^ \

»»»#> 41] «84«h

Aeronautische Vereine und Begebenheiten.

Berliner Verein für Luftschiffahrt.

Die 231. Versatnmlunir des Berliner Vereins für Lnftsehlflahri Tand am 19. Oktober in der Dessauer .Straße 11, nahe dem Potsdamer Kingbahnhof, im prächtigen Saal des Kluhs der Landwirte statt, wo nach einer vor dem Keginu der Versammlung durch Rechtsanwalt Kschenbach gemachten Mitteilung, auf Grund von Vereinharungen mit dem Vorstände genannten Klubs, die Versammlungen fortan dauernd abgehalten werden sollen. Nach Verlesung des Protokolls und der Namen von 37 als Mitglieder neu angemeldeten Herren, die geschäflsordnungsmiißig am Schluß der Versammlung als aufgenommene Mitglieder erklärt wurden, berichteten Hauptmann v. Tschudi und mehrere Herren, die als Ballonführer oder Teilnehmer an einem oder mehreren Aufstiegen beteiligt gewesen waren, über eine große Reihe von Ballonfahrten, welche in den letzten drei Monaten mit Ballons des Vereins von Berlin, Posen und Göttingen ab ausgeführt worden sind. Posen trat zum erstenmal in den Kreis der Städte, von denen aus Fahrten slattlinden. Von den vier in der Berichtszeit dort aufgelassenen Ballons landeten einer nahe Breslau, einer bei Mogilno, einer nach einer Fahrt von 2 Stunden 10 Min. bei Kaiisch. Kurz vor Landung des letzleren erhielten die Luftschiffer Gewehrfeuer durch russische Grenzkosaken. Sie hörten die Kugeln pfeifen: doch geschah weder dem Ballon noch den Insassen Schaden. Auch erwies sich diese Begrüßung für nichts weniger als vorbildlich für die spater auf russischem Boden den Gelandeten zuteil werdende Hilfe und gastfreundliche Aufnahme. Von Interesse waren zwei von Göllingen aus unternommene Nachtfahrten, deren eine mit dekarburiertem Gas ausgeführt wurde. Mit ihnen waren luftelektrische Beobachtungen und seitens Dr. Linke vorgenommene Messungen verbunden. An einer dieser Fahrten nahm Professor Nernst teil. Ks sind im Laufe der letzten 8 '/* Monate im ganzen 55 Vereinsfahrleu gemacht worden, wodurch die Leistungen der einzelnen Ballons sich vermehrten bei «Berson» auf 7H, «Süring» auf 40. «Sigsfeld» auf 8b\ Ballon Nr. 8 hat 4 Fahrten hinter sich.

Hierauf sprachen Herr W. Volkmann «Über die Bedingungen, unter denen die elektrische Ladung eines Ballons zu seiner Entzündung führen kann» und Professor Börnstein, indem er Bericht erstattete über die weiteren Arbeilen der vom Verein eingesetzten Kommission, deren Aufgabe es bekanntlich war, Untersuchungen an Ballons bezüglich ihres elektrischen Verhaltens anzustellen. Der erste der beiden Vorträge, die sich an anderer Stelle dieses Heftes in extenso abgedruckt finden, war von interessanten Experimenten begleitet. Ks knüpfte sich an beide, nachdem Professor Börnstein geendet, eine lehrreiche Diskussion, aus der sich im wesentlichen iIbereinstimmung über die Notwendigkeit ergab, den aus vielerlei Ursachen elektrische Ladung annehmenden Ballon kurz vor seiner Landung in geeigneter Weise zu entladen und im besondern der sichern Entladung metallener Teile, vor allem des Ventils, die größte Aufmerksamkeit zuzuwenden. Die radikalste Lösung der Frage, wie der Ballon vor den Gefahren durch elektrische Funken herbeigeführter Explosionen zu bewahren, wäre die Beseitigung aller Metallteile, namentlich des metallenen Ventils. Es wird zur Erwägung gestellt, ob das Ziel nicht durch Hartgummi, gepreßte Papiermasse oder dergleichen zu erreichen sein würde. Da diese Lösung der Frage aber in weiterer Ferne liegt, soll die Kommission, deren Auftrag verlängert wird. sich wesentlich mit der Frage der geeigneten Mittel zur sicheren Ableitung vorhandener Elektrizität zur Erde vor der Landung beschäftigen und nach anzustellenden Versuchen weiter berichten, ('her diese Mittel selbst werden verschiedene Vorschlage gemacht, welche der Kommission als Material ihrer Untersuchungen dienen weiden. Von Professor Mcrson wird auch die Frage erörtert, wie die elektrische Ladung des Ballons, die beim Ballastauswerfen entsteht, zu verhindern ist, indem man die Reibimg der herabfallenden Sandkörner an den Korbwänden vermeidet und den Ballast aus den trichterförmigen Öffnungen in zwei Korbecken angebrachter

röhrenförmiger Sandbehälter fallen läßt, die Säcke also nicht mehr über den Korbrand ausschultet. Die Kommission wird sich auch mit Prüfung der Frage beschäftigen, ob die jetzt für tlen freischwebenden Ballon nicht vorhandene Blitzgefahr etwa entstehen könnte, wenn metallische Ableitungen, seien es nun Drähte, Ketten oder Leinen mit metallischer Seele am Ballon herabhängen.

Zum Schluß wird auf Antrag des Vorstandes der bisherige Kommandeur des Luftschiffer-Bataillons, Major Klusmann, zum korrespondierenden Mitglied des Vereins ernannt. Die Herren Graf Dohna-Schlodien, Lt. Geerdtz, Lt. Siebert erhalten die Qualifikation als Ballonführer.

Die nächsten Versammlungen werden am 16. November. 14. Dezember und 11. Januar statt linden. A. F.

Niederrheinischer Verein für Luftschiffahrt.

Die Septernbei Versammlung des Xiederrheinischen Vereins für Luftschiffahrt fand am 28. September,, abends 8'/» Ihr. in der Bestauration Rath statt. Da die beiden Herren Vorsitzenden verhindert waren, an der Versammlung teilzunehmen, leitete der Schriftführer, Herr Heinrich Overbeck, dieselbe und begrüßte namens des Vorstandes die anwesenden Damen und Herren, die so zahlreich wie noch nie erschienen waren. Er betrachtete die äußerst rege Beteiligung an der Versammlung als ein gutes Zeichen dafür, daß die Mitglieder nach der Ruhepause der Ferien ihr Interesse wieder in erhöhtem Maße den Bestrebungen des Vereins zuwenden würden. Nachdem sodann 11 neue Mitglieder aufgenommen und für die letzte Vereinsfalirt ein Anteilschein ausgelost worden war, erhielt Herr Gustav Kemna das Wort zum Bericht über diese Fahrt. Da der (>. August internationaler LuftschilTerlag war, so nahmen außer dein Führer, Herrn Leutnant Davids, nur 2 Herren an der Fahrt teil, um möglichst gute Besultate bei den wissenschaftlichen Beobachtungen zu erzielen. Die Abfahrt erfolgte 7 Uhr »9 bei sehr kräftigem W.N.W., der Ballon wurde deshalb sehr leicht abgewogen, urn schnell aus dem Bereich der Schornsteine herauszukommen, und erhob sich in 7 Minuten bis zur Höhe von KliO in. Fs konnte noch eben die Fahrtrichtung festgestellt werden, da trat der Ballon auch schon in die Wolken ein, die eine Decke von etwa (»00 in Mächtigkeit bildeten. Infolge des guten Auftriebes wurde die Wolkendecke in kurzer Zeit durchbrochen, ohne daß ein wesentlicher Verbrauch von Baltast nötig war, und über dem Wolkeiimcerc nahm nun die Fahrt in einer durchschnittlichen Höhe von 1700 rn bei einer Windgeschwindigkeit von rund 50 km in der Stunde, also von 13,5 m in der Sekunde, einen prachtvollen Verlauf. Die Wolkendecke löste sich nach oben in zahlreiche Cumuluswolken auf und oft gestatteten große Löcher zwischen denselben Ausblicke auf die Krde, die bei dem fast durchweg gebirgigen Charakter der überflogenen Gegend herrliche Landschaftsbilder darboten. Daneben wurde tleißig beobachtet. Die größte Höhe wurde um 10 Uhr 20 mit 2330 m erreicht, hier wurde auch als niedrigste Temperatur O.ti0 gemessen, während das Thermometer bei der Abfahrt 13,9' aufwies. Nach Ablauf von je einer Stunde wurde eine Brieftaube abgelassen, die letzten ohne Depeschen, um den Tierchen bei dein kräftigen Gegenwinde die Arbeit zu erleichtern. Merkwürdigerweise sind die letzten Brieftauben zuerst angekommen, die ersten erst am folgenden Tage in sehr erschöpftem Zustande. Die Landung erfolgte glatt in einem Walde, in der Nähe von Heisfehl in Hessen, um 11 Ihr 55 Min. — Linen sehr interessanten Bericht lieferte sodann Herr Hauptmann von Abercron über die bisher längste und weiteste Fahrt des Vereins vom 13. Juli. Der Aufstieg erfolgte 8 l'hr 3 Min. in Düsseldorf, die Landung 6 Ihr 5 Min. nachmittags sehr glatt bei Callenberg unweit Waldenburg im Königreich Sachsen; der Ballon hat also in Luftlinie die Strecke von 43(1 km in 10 Stunden üherllogen. Die Fahrtrichtung, die anfangs S.S.O. war, ging allmählich über in S.O.. so daß Siegen überflogen wurde, dann in 0. und jenseits Marburg in O.N.O. In einer Röhe von rund 3000 rn wurde der Thüringer Wald und ganz Thüringen

•#♦»> 413 «t«m*

überflogen, das aus dieser Höhe einen wunderbar schönen Anblick gewährte. Ruhla, Eisenach. Gotha, Erfurt zogen im Fluge vorbei, der Ballon hatte hier eine Geschwindigkeit von über 80 km in der Stunde. Südlich Erfurt geriet derselbe in eine dichte Cumuluswolke, die das Gas derartig abkühlte, daß er bis auf 20 m über der Erde sank. Hier stand er bei einer Windstille 10 Minuten unbeweglich fest und es wurde bereits an eine Landung gedacht, die bei dem noch vorhandenen Ballast allerdings sehr ungern ausgeführt worden wäre. Da kam die Sonne wieder durch, erwärmte das Gas und hob dadurch den Ballon bis zu einer größten Höhe von 3(500 in. Die Fahrt ging nun mit noch vermehrter Geschwindigkeit weiter, von Jena aus wurde mit einein Zeißschen Entfernungsmesser Höhe und Geschwindigkeit konstatiert und als Höhe 3200 m, als Geschwindigkeit nahezu 100 km in der Stunde festgestellt. Jenseits Gera tauchte das sächsische Industriegebiet vor den Blicken der Luftschiffer auf und die wenig verlockende Aussicht, dort zu landen, veranlaßte sie, das Ventil zu ziehen und die Landung vorher zu bewerkstelligen. Wie man sich aus dieser Höhe in den Entfernungen verschätzen kann, beweist die Tatsache, daß die Landung 20 km weit von dem in Aussicht genommenen Landungsorte erfolgte. — Ebenso interessant berichtete Herr Oberlehrer Dr. Spieß über einen Ausflug, den er nebst Frau Gemahlin mit Herrn und Frau Overbeck in dem AuLoinobil des letzteren am ersten Ferienlage nach der Militfir-Luftschifferableilung Cöln ausgeführt hatte. Da die Mitteilungen nur für die Mitglieder des Vereins bestimmt waren, so kann hier nicht näher darauf eingegangen werden, jedenfalls erregten sie bei vielen Anwesenden lebhaftes Bedauern, daß sie diese Gelegenheit nicht auch benutzt hatten. — Da Herr Dr. Selbach, der über die Fahrt des Herrn Santos Dumont am Nalionalfeste der Franzosen berichten wollte, leider erkrankt war, so schilderte Herr Oberlehrer Dr. Bamler einen Tag in dem Leben des feudalsten Luftschiffervereins, des «Aero-Club de France». Die Franzosen begnügen sich nicht mit sportlichen und wissenschaftlichen Fahrten, sondern sie veranstalten auch Hallonwctlfahrten. Dabei kann es sich handeln um lloch-fahrten, Weitfahrten, Dauerfahrten. Weit- und Dauerfahrten. Zielfahrten mit und ohne Zwischenlandung. Um eine Zielfahrt handelte es sich auch bei der Wettfahrt, die am Nachmittag des 24. Juni dieses Jahres stattfand. Die Luftschiffer wählten sich seihst vor der Abfahrt einen Landungsplatz aus und mußten in möglichster Nähe desselben landen. Trotz der tropischen Hitze drängte sich die vornehme Welt von Paris in dichten Mengen in dem Luftscliifferpark von Vincennes, um der Abfahrt der (5 Ballons beizuwohnen. In Zwischenräumen von ö—0 Minuten werden die einzelnen Ballons hochgelassen, begleitet von den lustigen Fanfaren eines Musikkorps, während zugleich an einer anderen Stelle Automobile abfahren, um die Ballons zu verfolgen und womöglich bei der Landung abzufangen, ö Damen beteiligen sich an der Ballonwettfahrt. Kaum hat der vorletzte Ballon den Boden verlassen, da erscheint über den Baumwipfeln des Parkes das nunmehr wohlbekannte Luftfahrzeug von Santos Dumont. Da ist Santos, rufen 1000 begeisterte Stimmen aus. Noch einige Umdrehungen des Propellers und der kühne Brasilianer ist über dem Parke angelangt. Ein leichtes Ventilziehen und das Luftschiff landet auf dem Rasen ebenso leicht und graziös, wie sich ein großer Vogel naeli einem Fluge niederläßt. Vorbei ist es mit der Ordnung, die bisher auf dem Platze geherrscht hatte, alle Schranken weiden überschritten und alles drängt sich nacli der Gondel des Santos hin, ihn zu beglückwünschen. Der Vorsitzende der Sportkommission, Graf von La Valette, kredenzt ihm einen Becher Sekt und dankt ihm für sein Erscheinen, wodurch er den Glanz des Luftschifferfestes wesentlich erhöhe, Ebenso anerkennende Worte richtet Oberst Benard an ihn, der Kommandant des französischen Militär-Luftsi hifferparkes. Da Benard mit zu denjenigen gehört, welche die ersten greifbaren Erfolge auf dem Gebiete der lenkbaren Luftschiffe zu verzeichnen hatten, so ist diese Anerkennung von besonderer Bedeutung. Santos Dumont dankt tief gerührt für die anerkennenden Worte und ist glücklich, daß er durch die kleine Aufmerksamkeit, welche er seinen Freunden aus dem Aero-Club erwiesen hat, so allgemeine Freude erregt hat. Liebenswürdig wie immer gegen seine jugendlichen Bewunderer, gestattet er einigen Kindern, in seiner Gondel

Ali €«m«

einen Fesselballonaufstieg zu machen. Kein Wunder, daß die Luftschiffahrt in Paris populär ist und immer populärer wird, wenn auf diese Weise das Interesse dafür schon in den Kindern erweckt wird. Sodann besteigt Santos Dumont sein Luftschilf selbst wieder, setzt es in Bewegung und nach einer geschickten Schwenkung überschreitet es die Seine von neuem, um, begleitet von einer letzten Ovation, hinter den Baumen des Parkes zu verschwinden. Nunmehr lenken sich die Blicke der Zuschauer wieder auf die anderen Ballons, die über Paus schweben und sich langsam entfernen. Als auch diese am Horizont verschwunden sind, leert sich der Park, das schone Fest ist zu Ende.

Die Ergebnisse der Wettfahrt: 1. Dem sell»tge wählten Ziele am nächsten gelandet ist Etienne Girand, 2«»50 in von E/anville, silberne Medaille. 2. Emile Janets mit dem «Oubli» ist tU)2f> in von Ecaneu gelandet, Bronze-Medaille. 3. Von den Automobilisten bat Herr Truffant den «Ouhli» gefangen. Herr Mirand-Devos die « Fleur-de-Lys». Beide erhallen eine Bronze-Medaille. Im ein Bild von der ungeheuren Leistungsfähigkeit der Franzosen bei solchen (telegenheiten zu geben, erwähnt Berichterstatter noch, daß am Luftschiflertage des H'. September 1900 2.» Ballons starteten. Die längste Weitfahrt

ist die des Grafen De La Vaulx v..... 9. September 1900, bei derselben wurden 192n km

in 3ö Stunden H» Minuten zurückgelegt, diese Fahrt ist auch zugleich die längste Dauerfahrt. Bei den Hoehfuhrten sind zwar auch sehr anerkennenswerte Leistungen erzielt worden, jedoch keine, welche an die Höbe von loöoo in heranreicht, die am 31. Juli 1901 von den Berliner Luft schillern Berson und Dr. Süring erreicht wurde.

l.'nter verschiedenen Mitteilungen, die noch gemacht wurden, erregte die, daß am 1. Oktober, dem internationalen Tage, eine Nachtfahrt unter Führung des Herin Oberleutnant George vom Liiftschifl'erbalaillon stattfinden werde, das meiste Interesse. Die Fahrt hat inzwischen stattgefunden und endete nach Ii Stunden mit einer sehr glatten I*amlung 12 km westlich Bremen. Da von dem milgeführten Ballast nur 2 Sack verbraucht worden sind, so halle die Fahrl voraussichtlich noch weit in den folgenden Tag hinein ausgedehnt werden können, wenn nicht die Nähe der See die frühzeitige Landung veranlaßt hätte. Nähere Mitteilung wird in der Okiobersitzung erfolgen.

Den Schluß der anregenden Versammlung bildete die Auslosung einer Fahrt unter den anwesenden Mitgliedern, glücklicher Gewinner war Herr Julius Schütte

Kibliographio und Litoraturboriidit.

Alronautik.

P. S. Langley, The greatest Flying creature. (Einführung zu F. A. Lucas: The greatest llying creature. the great Plerodaclyl Ornithostomai. Annual Heport of tbe Smithoniati Institution for 1901. Washington 1902. p. (>i9.

Für jeden, der sich mit dem Problem der Flugmaschine {nicht des passiv bewegten Ballons) beschäftigt, muß die Frage von Interesse sein: Was hat die Natur selbst in hezug auf die Konstruktion von « Flugmaschincn > getan: sind die Vögel die vollkommenst resp. rationellst konstruierten lebenden Flugmaschinenv

Bereits früher haben de Lucy und Mouillard verschiedene Flieger ilnsekten und Vögelt darauf Inn geprüft, in welchem Verhältnis Körpergewicht und Fluglläche hei den verschiedenen Formen zu einander stehen, sie sind im allgemeinen zu dem Resultat gekommen: Je größer der Flieger, um so kleiner ist die Fluglläche im Verhältnis zur Gew iilit-eiuli.it.

Langley und Lucas prüfen die größten Flieger der Jetztzeit: Gondor und Albatroß in bezug auf das Verhältnis von Fluglläche, Korpergewicht und die K raf t leistung. die Aut"ien ziehen ferner den größlcti Flieger der Vorzeit, ein in der Kreideformation von Kansas gefundenes Flugreplil, Ormthostoina. welches — mindestens 20' (engl i

780921

*♦» 415 «44«

klafternd — an Größe den gewaltigsten Flieger der Jetztzeit, den Kondor, noch wesentlich übertraf, in den Kreis ihrer Betrachtungen. I.angley vergleicht ferner noch eine von ihm in Stahl konstruierte Flugmaschine, welche mehrfach Flüge von '/*—'i* engl. Meile gemacht hat, mit den natürlichen Fliegern.

Die folgende Tabelle Langleys erläutert das Verhältnis zwischen Flugfläche, Gewicht und erzielter resp. geschätzter Kraflleistung bei verschiedenen natürlichen und der künstlichen Flugmascbinc:

   

Flug-

Gewicht

Kraft-

   

fläche

tili IT.ii

leistung

   

«in □' cnjrl. i

 

<in Hl'i

1

 

54

30

1,5

 

(Segelnde Flieger:)

     

2.

Ornithosloma (fossiles Flugreptil). .

25

30

0,030

3.

 

«».85

17

0.013

;,

Brasilianischer Geier.......

5.3

5

0.015

 

(Flatternde Flieger:i

     

.').

 

2,05

«1

0.026

Ii

 

0,7

1

0,012

7.

 

0,026

0,015

0,001

Die natürlichen Flieger sind also in beziig auf das Verhältnis zwischen Kraft und zu Gebote stehender Flugfläche sowohl als auch in bezug auf das Verhältnis zwischen Gewicht und Fluglläche ungleich viel günstiger dran als die Flugmaschine. Die Untersuchungen von Langley ergeben im allgemeinen das bemerkenswerte Resultat: Je größer der natürliche Flieger ist, relativ um so geringer ist die gebrauchte Fluglläche und ebenso die aufgewendete Kraftleistung.

Würde für die natürlichen Flieger das mathematische Gesetz gelten: die Oberfläche wächst im Quadrat, das Gewicht im Kubus der Größenzunahme, so müßte der Kondor der grüßte überhaupt mögliche natürliche Flieger sein. Daß sich die Natur in diesen spanischen Stiefel mathematischer Gesetze nicht selbst gespannt hat, beweist der fossile natürliche Flieger, der Flugsaurier Ornithosloma, welcher den Kondor noch wesentlich an Größe, namentlich an Flügellänge übertrifft.

Unter Vergleich mit dem Skelettbau der Vögel möchte Lucas das Flugreptil Ornithosloma als den «König» der Flieger bezeichnen und als höher spezialisiert als irgend ein Flugtier einst und jetzt.

Dem gegenüber muß betont werden, daß die — ja ganz ausgestorbenen — Flugreptilien keineswegs die günstigst organisierten Flieger waren, denn sonst wären sie im Kampf ums Dasein nicht durch die warmblütigen, mit einem Federkleid versehenen, also gegen die durch große Kraflleistung besonders leicht hervorgerufenen Temperaturdifferenzen zwischen Körper und umgebender Luft geschützten Vögel unterlegen. Ks sind zwar bei Ornithosloma die Verhältnisse zwischen Fluglläche, Gewicht und Kraft die günstigsten, die bis jetzt bekannt sind, viel günstiger, als der Mensch sie in irgend einer Maschine zu konstruieren vermag, aber diese Verhältnisse allein sind nicht maßgebend für die gesamte Besleignung eines Organismus zum Fliegen. Fcky.

meteorologie.

a. Paulsen: Die französisch-skandinavische Drachenstation. Das Wetter. 30. S. 112 bis Iii, 1003.

Bericht über Beobachtungen während des Schneesturms am 11*. April, über die Drachenaufstiege vom Kanonenboot «Falsler» aus und über die größte von einem Drachen

ilt) «44«

erreichte Hohe. Ks ist nämlich Herrn Teissercnc de Hort im Mai dieses Jahres gelungen, mit Drachen eine HÖhfl VOD ü!hM) Meier zu ei reichen.

Personalia.

Hauptmann Franz Hiuterslolsser des k. k. Infanterie-Regiments Nr. 'M) wurde am fi. November ISMlM verliehen: Das Oflizierskreuz des Kgl. niederländischen Ordens von Oranien-Nassau.

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}(umor.

il.uitige BUtlrr.

---*X-

Die Redaktion hält sich nicht für verantivortlich für den wissenschaftlichen Inhalt der mit Namen versehenen Artikel.

jftle Richte vorbehalten; teilweise Auszüge nur mit Quellenangabe gestattet.

Die Redaktion.


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