Illustrierte Aeronautische Mitteilungen

Jahrgang 1903 - Heft Nr. 9

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Eine der ersten Zeitschriften, die sich vor mehr als 100 Jahren auf wissenschaftlichem und akademischem Niveau mit der Entwicklung der Luftfahrt bzw. Luftschiffahrt beschäftigt hat, waren die Illustrierten Aeronautischen Mitteilungen, die im Jahre 1897 erstmals erschienen sind. Später ist die Zeitschrift zusätzlich unter dem Titel Deutsche Zeitschrift für Luftschiffahrt herausgegeben worden. Alle Seiten aus den Jahrgängen von 1897 bis 1908 sind mit Fotos und Abbildungen als Volltext in der nachstehenden Form kostenlos verfügbar. Erscheint Ihnen jedoch diese Darstellungsform als unzureichend, insbesondere was die Fotos und Abbildungen betrifft, können Sie alle Jahrgänge als PDF Dokument für eine geringe Gebühr herunterladen. Um komfortabel nach Themen und Begriffen zu recherchieren, nutzen Sie bitte die angebotenen PDF Dokumente. Schauen Sie sich bitte auch die kostenfreie Leseprobe an, um die Qualität der verfügbaren PDF Dokumente zu überprüfen.



illustrierte aeronautische Mitteilungen.

VII. Jahrgang. -Mi September 1903. fr* 9. Heft.

Joseph JÄaximilian Freiherr v. £utgenöorf, 8er erste deutsche tuftschifter.

(Eill Zeitbild aus dem 18. Jahrhundert von Max Leher-Augsburg.)

Nachdruck verboten.

Nil iiiortalibus ardui est. <'«fluni ipsuin petimus stnltitia, neque IVr Dostrum putimur mtIiin Irucumlii .Iovimii poanTf t'ulmina.

Horaz.

Uralt ist das Streben der Menschen, sich dem Vogel gleich in die Luft zu schwingen und dieselbe, frei von den Kesseln der Schwere, in bestimmter Richtung zu durchmessen. Erzählt uns doch schon die Mythe von Dädalus.der mit seinem Sohne Ikarus auf Klügeln, die er kunstvoll aus Federn zusammengesetzt hatte, aus des Kreterkönigs Labyrinth über das Meer zu ontIiiehen suchte. — Und Bellerophontes, des Korintherkönigs Glaukos Sohn, zog sich den Halt der Götter zu, weil er sich auf dem Pegasus zum Olymp emporschwingen wollte. — Schon um das Jahr 1306 n. Chr. soll nach den Berichten des französischen Missionars Vasson (1IHI4) bei der Thronbesteigung des Kaisers Ko-Kien ein Künstler in Peking einen Luftballon haben steigen lassen. Wenn im Abendlande später Battista Danti in Perugia, der Benediktinermönch Oliver Mahnesbury, der Portugiese Gusman und der Jesuitenpater Lana Klugmaschinen ,.«7 7? konstruierten, so sind dies nur schüchterne Versuche geblieben, das Luflmeer zu durchfurchen. Die Ballonaeronautik, im wahren

Sinne des Wortes, beginnt aber erst mit der Erfindung des Luftballons durch Montgollier.

In Deutschland fand seine Erfindung viele Bewunderer und Nachahmer. Allhier in Augsburg, der ehemaligen Beichsstadt, veranstalteten am 19. Ke-bruar 1781 die Gebrüder Bader aus Ottobeuren bei Memmingen auf dem Frauenhof unter großem Zulauf von Schaulustigen eine Vorstellung ihrer Luftmaschinen, welche 20 Schuh im Durchmesser und 11 Schuh in der Höhe hatten. Nach zweimaligem Zeichen mit einem Doppelhuken wurden die Ballons um */i 3h abgelassen. Sie stiegen sehr prächtig in die Höhe und

Ulustr. AiTonaut. Mittcil. VII. Jahrg. -8

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in «1er Zeil von 5 .Minuten waren sie den Augen unsichtbar. Sie fielen ab eine Stunde von Augsburg, ohnweit denen Sieben Tischen.1)

Mit Beginn des Jahres 17H<» erschien auf der Dildflüche ein Mann, der den wohlklingenden Namen Joseph Maximilian Freiherr v. Lütgendorf führte. *) Gebürtig aus Kranken, stand er zuerst als Dragonerhauptmann in Fürstl. Würzburgischen Diensten und fan<l, nachdem er die militärische Laufbahn verlassen hatte, Unterkunft in HochfürstI. Thum- und Taxischen Diensten, wo er zur Zeit seines Auftretens in Augsburg als Hofrat figurierte. Kr beabsichtigte nichts Geringeres, als den Franzosen Blanchard, der damals durch seine kühnen Luftfahrten Alles in Staunen setzte, aus dem Sattel zu heben und auf einer Luitreise von Augsburg nach Regensburg sich urbi et orbi als erster deutscher LuftsehilTer zu präsentieren.

Als Grund, warum der Herr Baron gerade Augsburg zum Schauplatz seiner aeronautischen Tätigkeit machen zu müssen glaubte, führte er in einem dem Herrn Gomitialgesandten v. Rehm (dem Gesandten der Reichsstadt auf dem Regensburger Reichstag) überreichten Gesuche Aerostalisches Kxperiment betr. an, dali ihm die Stadt wegen der geschickten Arbeitsleute wohl dazu gelegen wäre, einen schönen Luftball zu erbauen, und dann als der erst«? Deutsche, der solches wagen wollte, damit anzusteigen. Das Gesuch, welches am .'11. Januar 178ß in der Ratssitzung in Vorlage kam, wurde aber - deelinatorisch» verbeschieden. weil man sich von einem so zweifelhaften l'nternehmen keinen praktischen Nutzen versprach und dabei Kosten besorgte, die nach l'mstünden für überflüssig zu erachten seien.3) Doch der Herr Maron verlor den Mut nicht und schon am 11. Februar erschien er mit neuem Gesuche vor den verschlossenen Toren des Hohen Rates. Kr hatte einen mächt igen Fürsprecher an Hochfürstl. Durchlaucht Herrn Wilhelm Pfalzgrafen bei Rhein, Herzog in Raiern, gefunden. Wegen der nahen Verbindung mit dem Höchsten Churhaus Pfalz-Raiern beschloh nun der Magistrat, das erneuerte Gesuch zu erhuldigster Verehrung des Höchsten Vorworts willfährig zu beantworten; dem Herrn Hofrai es aber zu überlassen, zu seinem Vorhaben selbst hier einen schicklichen Platz (jedoch ohne subscription des Publici vel Privatmann) zu suchen.4) Auf diesen etwas unklaren Rescheid hin erbat sich Lütgendorf beim Magistrat Rescheid. Ein solcher erfolgte auch in der Sitzung vom 14. Fehruario in dem vom Herrn Haron gewünschten Sinne, indem das decretum vom 11. hujus dahin erläutert wurde, dal! eine freywillige Privatsubscription p. p. Petenlenten männiglich unverwehrt bleiben sollte.3)

Lütgendorf halte im berühmten Gasthof zu den Drei Mohren , wo nur die Höchsten und Hohen Herrschaften damals abzusteigen pflegten,

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Quartier bezogen. In seiner Begleitung befand sich sein jugendschönes, lebensfrohes Weibchen, das wohl imstande war, dem Herrn Gemahl die Sorgen zu mindern, die der zu erstehende Luftball über denselben auftürmen sollte. — Nun einmal Herr der Situation, machte der Herr Baron von der Erlaubnis, eine freiwillige Privatsuhskription erlassen zu dürfen, den ausgiebigsten Gebrauch. Bereits am 15. Februar überraschte er die Einwohnerschaft mit einer gedruckten Einladung. Dieselbe enthielt in ihrem oberen Teile ein Bild, das eine

Apotheose des ersten deutschen Luftschiffers veranschaulichen sollte: Lütgendorf, sanft auf Wolken umgebettet , blickt sinnend auf die Stadt herunter, über deren Bewohner er bald so grolte Aufregung und Enttäuschung bringen sollte. Diese Idee, so für sein Unternehmen Propaganda zu machen, sollte dazu beitragen, den üblen Eindruck zu verwischen, welchen der untere Teil, die schriftliche Einladung, hervorrulen mulUe. Sie ist zu interessant, um der

Nachwelt vorenthälten werden zu dürfen.

Der Pränumeralions-preis wurde auf eine halbe Carolin, eine für damalige Zeit geradezu horrende Summe, festgesetzt. • Ermuntert von in- und auswärtigen Liebhabern», so besagt die Einladung, verfertiget der Hochfürsll. Thum- und Taxische Ilof-rath, Freyherr Joseph von Lütgendorf mit viellen eigens erfundenen Verbesserungen eine Luftkugl, um mitls derselben in Augsburg den 24. May als der erste Teutsche eine merckwürdige Luftreise zu unternehmen. Da aber ein Solches mit grollen Kosten verbunden ist, so wünschet Freyherr v. Lütgendorf von in- und auswärtigem Hohen Adel und anderen II. Liebhabern eine edelmütige Unterstützung entweder mit würcklicher Pränumeration oder mit Unterschreibung gegenwärtiger Pillets, welches an Freyherrn v. L. |: der sich in Augsburg befindet und bey denen Drei Mohren

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logirot : | portofrei einzusenden beliben werden mögle: die unterschribene Pillets werden sodann mit einer halben Carolin erst abgelöst, wenn der ganze Apparat zur Luftreise würcklich schon hergestellt und durch die Zeitung bekannt gemacht werden.»

Der Appell an den Edelmut Hoher und niederer Liebhaber verhallte nicht ungehört und von allen Seiten flössen so reichliche Beiträge, daß der Herr Baron nunmehr sein grelles Werk beginnen konnte. Als Werkstätte zur Anfertigung der Luftkugel wählte er das Theater bei Skt. Salvator, das ehemalige Jesuilerkomödienhaus.l) Hin tüchtiger Schneidermeister, der zwar den ominösen Namen «Hunger» führte, aber dem Herrn Baron als überaus geschickt empfohlen werden konnte, erbot sich, dem Ballon durch seine Kunst die gewünschte Form zu geben: für den Bau des Luftsehiffchens, auf dessen künstlerische Vollendung unser Aeronaut das grollte Gewicht legte, fanden sieh ebenfalls ganz gediegene Arbeitskräfte. — Lütgendorf hatte noch kaum Hand an sein großes Werk gelegt, als das Erscheinen verschiedener Piecen, worin seine beabsichtigte Luftfahrt in Versen und Kupferstichen gefeiert wurde, ihn veranlalSte, den Herrn Amtsbürgermeister in einem Schreiben vom 2iJ. März zu ersuchen, auf die Verfasser der Piecen zu in-quiriren, die vorhandenen Excmplaria zu eonfisciren und sämmtlichen Kupferstechern und Buchdruckern die Herausgabe dergleichen Piecen ohne Vorwissen und Genehmigung des Herrn Baron zu untersaget). *) Dadurch suchte sich Lütgendorf alle Kinkünfte zu sichern, welche die Neuheit eines derartigen Unternehmens zur Folge hatte, und er hoffte sie auch im Laufe der Zeit recht ergiebig zu gestalten.

Allmählich drangen durch die hiesige Presse die ersten, wenn auch spärlichen Nachrichten über das vorerst noch geheim gehaltene Wirken des Herrn Baron in die Öffentlichkeit. «Hit wahrem Vergnügen«, so schreibt die «Ordinari Postzeitung> unterm 17. April, «kündigen wir dem Publico die Nachricht an, daß der Hochfürstl. Thum- und Taxische Hofrath, Herr Joseph Max Freyherr v. Lütgendorf, der sich bereits ein Paar Monathen hier in Augsburg aufhält, schon so weit in Anschaffung und Verfertigung seines sehr künstlich verbesserten Luftmasehinen-Apparats gekommen ist, daü dessen Auffahrt, nicht wie anfangs fälschlich berichtet wurde, am 2i. May, wohl aber auf den lö. instehenden .lunius, also auf die Zeit nach der Fronleichnamsoktav allhier bei günstiger Witterung festgesetzt werden kann. Bisher war unser Deutschland noch nicht so glücklich, die Kunst eines deutschen Luflschiffers zu bewundern, sondern es muüle einem Franzosen diese Ehre überlassen. Augsburg soll den Vorzug haben, den ersten deutschen Aero-nauten aulsteigen zu sehen. Dagegen wünschet der Herr Baron v. L., dal) sowohl von hiesigen als auch auswärtigen hohen Gönnern und Liebhabern der srhönen Künste und Wissenschaften — und jederzeit war Augsburg eine freygebige Pflegerin derselben — denen die grollen mit einer so schweren

Chilipp v. Strtlrn : Auj^rnirg» Kunstgws^hichl« fAeronatithirk). Vol. II. pag. 111—120. T'i KaUprotokoll vom £1. März 17*6, pag. IH2,

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Unternehmung verhundenen Kosten nicht unbekannt seyn können, zu gewöhnlicher Subscription oder Pränumeration mit einer halben Carolin gesehritten werden möchte. Zur Subscription wird hier ein Buch zum Einschreiben circuliren. In- und auswärtige Herrn Liebhaber, die beim Besuch des Herrn Baron die mancherley Apparate zu seiner Luftmaschine betrachtet haben, sind alle über die vorsichtige Einrichtung aller Theile, über die Bichtigkeit seiner ganzen Theorie und überhaupt über dessen leutseligen Charakter und gefälliges Betragen verwundert. Der Herr Baron freut sich übrigens über den Nutzen, den die so vielen Fremden, die schon pränumerirt haben, der Stadt verschaffen werden, und wird sich überhaupt bestreben, sein Aufsteigen in der Geschichte von Augsburg zu einer denkwürdigen Begebenheit zu machen.»•)

Am 18. April, abends nach 51' machte Lütgendorf vor einer geschlossenen, auserlesenen Gesellschaft im ehemaligen Schauerschen, später T. Straußsehen Garten mit einem kleinen Luftballon von 3 Schuh im Durchschnitt das erste Probestück, das vollkommen nach Wunsch ausfiel. Die Zeitungen berichten hierüber: «Der Ballon stieg anfangs allmählich, dann schnell in die Höhe, nahm seinen Flug westwärts über die Stadt weg und verlor sich aus dem Gesichte, bis er im Durchgang unter der Sonne, von Lichtstrahlen umllossen, noch ins Auge liel und dann völlig wieder verschwand. Der Ballon war aus Goldschlägers Häutehen (feine Oberhaut vom Blinddarm des Ochsen), niedlich, kugelförmig verfertigt und unten mit einem LufLsehi flehen versehen, nach Art der Herren Charles und Bobert. Diese Probe ward vorzüglich aus einer nötigen Vorsicht gemacht, indem das Vitriolöl aus dem artiüciellem Vitriol eine weit schwere Luftmacht als die atmosphärische ist: das Mineral-Vitriolöl aber aus dem Eisen eine Luft bereitet, die 8 mal leichter als unsere atmosphärische ist, wenn nämlich das Barometer 28° zeiget.*

Am 20. April erhielt Lütgendorf vom Oberamtmann des Beichsstiftes Wettenhausen (Schwaben) mit dem aufgefundenen Ballon folgende ausführliche Geschichte über das Erscheinen und die Gefangennahme der Luftkugel in dortiger Umgebung. — <Um die Zeit, zu der er gefunden ward, aufs genaueste zu bestimmen, so muß man sagen, daß er nicht erst auf den Schlag 7 ll, sondern bald nach 3/4 auf 7 h gefunden worden sei. Den vom hiesigen Gotteshauß kaum lU Stunde entlegenen Berg, auf dem er endlich in einem Graben gleichsam sitzen blieb und von einem Knaben, der sich, nachdem er sieh erst gesegnet, das Herz nahm, ihn anzufassen, ergriffen wurde, flog er ganz nieder hinan, so daß er unterwegs schon von H Mädchen hätte gar leicht gefangen werden können, wenn sie das Ding nicht gefürchtet hätten. Als er in ein Paar Zimmer gebracht wurde, worin wenigstens morgen noch eingeheitzt wird, erhob er sich, sobald man ihn von der Hand losließ

') Attg«|mrj>it>''hc Orrlinari l'n«t/eitui)g. von Staal^srelchrton. hiritnrisrh, u. ökntiinnischi'n Xriiifkt'itcn. Mit Ihm Ifum. Kayx'H. Maji-stat all<Ti!nä«li;:stem l'rivil'-gi». Vnrli'tfl 11. gi^lruckt v, Jr>«. Antnn Moy, wohnhaft auf dem oberen (irnlti-n. in <I*mii »»ig. Schumi.1-1 lau«.

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und blieb da gleichsam hangen, bis m;m ihn herabnahm. Im kalten Zimmer aber, das ihm zur Nachtherberge angewiesen wurde, blieb er auf dem Boden liegen und fiel über Nacht unten sehr zusammen.» — Soweit der Bericht des Herrn Oberamtmann ('.. Anton von Korer.11

Nach den Zeitungsberichten soll der Ballon so unversehrt geblieben sein, daß er nach Empfang wieder mit atmosphärischer Luft aufgeblasen werden konnte. Der Herr Baron machte damit S. T. Freyherrn Philipp von Stetten ein willkommenes Präsent.

Im ein gehöriges Ouautum von Mineral-Vitriolül aus Eisen zu gewinnen, so erlieh Lülgendorf unterm 27. April folgendes Avertissement: *Da der Freyherr von Lülgendorf unter anderen Requisiten zu seinem grollen Luftballon auch 2 t Zentner reine Eisen-Feilspähne, um denselben mit der sogenannten leichten Luft zu füllen, nöthig hat, so wünscht derselbe, dall sich ein oder mehrere Personen, in Augsburg oder anderwärts, als Nürnberg. Strallbiirg u. s. w.. wo viele Eisenfabriken sind, sich linden möchten, die das ganze Ouantum oder wenigstens 5—Ii Zentner gegen haare Bezahlung, zu 10 II. den Zentner buirischen Gewichts, längstens zu Ende des Monats May zu liefern sich anheischig machten. Aber Feilspäne mit Zundel vermischt oder von gelöthelem Eisen, oder die rostig sind, werden nicht angenommen, sondern von Feilenhauern, Zangenschmidlen und von solchen Profellionisten, die aus ganzem Eisen arbeiten.-)

Am 1. Mai b "absiehtigte Lütgendorf abermals einen kleinen Luftballon steigen zu lassen, um eine neue Galtung Vilriolö] zu probieren, aber die ungünstige Witterung, womit sich dieser sonst so holde» Monat einstellte, ermöglichte erst am i. um ö 1 * fl abends den Aufstieg unter dem Zuschauen einer grollen Menge von Menschen aus allen Ständen, in Oberhausen bei Augsburg mit gleich gewünschtem Erfolg wie der erste. Der Ball nahm zuerst nordwärts, nachher aber südostwärls ins Bairische seine Wendung und wurde später bei Kasing, unweit von Ingolstadt, gefunden. Im diese Zeit ging auch bei Zürich eine Lnftkugel von gleichem Kaliber nieder, die der Herr Baron irrigerweise als sein Eigentum reklamierte.

Indessen arbeitete unser Aeronaut rüstig an seiner Lnftkugel, so daß bereits am 9. Mai Herr .loh. Karl Schleich, Kupferstecher arn mittleren Graben Lit. H Nr. 383 wohnhaft, zum Einkauf einer gestochenen und nach dem französischen Maßstabe eingerichteten Abbildung desjenigen Luftballs einladen konnte, in welchem Herr Baron von Lütgendorf nach der Fronleichnamsoktav außer der freien Reichsstadt Augsburg bei günstiger Witterung aufzusteigen gedenke. Diese Luftinaschine verdiene wegen ihres künstlichen Baues und Verbesserung in allen Teilen den Vorzug. Sowohl der Mechanismus, als die herrlichen Verzierungen gewährten die vollkommenste Idee von dem Tiefsinn und Geschmack des ersten deutschen Herrn Luft schilfeis. Der Preis

!> A. O. V vom 3. May IT**.

■i A. O. V [>f>mn r*tii- Jen .17 April i;>»i; in. April: i May; 4. May: May; 13. May: l.V, 23. May.

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der aufs akkurateste nachgemachten Abbildung betrug das Stück auf einem halben Medianbogen 30 Kreuzer, illuminiert 48 Kr.1)

Schleichs Kupferstiche fanden bald Nachahmungen, so daß sich der Herr Haron gezwungen sah, für seinen Hoflieferanten eine Lanze einzulegen und in den Zeitungen bekannt zu macheu «dal! nicht nur verschiedene elende Kupferstiche und Schmiereyen von seinem Luftballon hie und auswärts gestochen und verkauft werden, welche gänzlich abweichen von dem bereits bekannten, so künstlichen Bau seiner Luftmaschine, sondern die wahre Abbildung nur bey Herrn ,1. K. Schleich auf dem Graben Lit. H Nr. 888 ganz artig gestochen zu haben sey». Mittlerweile waren Lülgendorfs Feinde nicht untätig geblieben, seine Ehre anzutasten und ihn als gewöhnlichen Charlalan hinzustellen. .Ia, sie erkühnten sich sogar, das boshafte Gerücht auszusprengen, als wäre durch den Herrn Baron vermittels des Vitriolöls im Gasthof zu den Drei Mohren Feuer ausgekommen, wiewohl die jüngst entstandene, aber durch die guten Anstalten bald glücklich wieder gedämpfte Feuersbrunst bei einem Materialisten in ganz entlegener Straße ausgebrochen war. Als es nun erst gar hieß, der Herr Baron lasse den Ballon nur in Augsburg anfertigen, aber nicht aufsteigen, vielmehr werde er nach Vollendung desselben mit Hinterlassung ungezählter Schulden das Weite suchen, da entbrannte er im gerechten Zorne und erließ in der Presse die Erklärung, er sei sprachlos vor Staunen, daß solche Dinge über ihn ausgesprengt würden. Die Herren Zweifler und Kritiker könnten sich, wenn sie sich in einem Hause, dem sogenannten Jesuiter-Theater gegenüber (wo der Ballon vorfertigt werde), Billets zu 24 und auch zu 12 kr. kaufen wollten, alle Tage die Zubereitungen ansehen und sich dadurch eines andern überzeugen.

In der Nummer vom 2G. Mai brachte die Augsburger Ordinari Postzeitung zum ersten Male eine längere, sehnlichst erwartete Beschreibung über den Luftballon.2) Nach einer einleitenden Entschuldigung, daß man mit gutem Vorbedacht die Zeit abwarten wollte, bis der glückliche Fortgang des Unternehmens dazu berechtigte, die geehrten Leser durch eine desto ausführlichere und zuverlässigere Nachricht für das beobachtete Stillschweigen entschädigen zu können, führt uns der Verlässer in das geräumige Schauspielhaus, dem Collegio zu Skt. Salvator gegenüber, wo an dem großen Luftballon mit lieberhafter Thätigkeit gearbeitet wird, da ihn der Herr Baron in einigen Wochen fix und fertig haben möchte, wofern sich nicht unvorhergesehene Hindernisse in den Weg stellen. Die aus schönem französischen Taffet gefertigte Luftkugel soll weiße und carmoisinrote Streifen bekommen. Ihre Höhe beträgt über 80 französische Schuh, im Durchschnitt aber hält sie 28' 2". Das Schiffchen, in dem der Herr Baron bei der Auffahrt sitzen wird, und das er selbst verfertigt, ist 11 Schuh lang und 3 hoch. Es ist

') Wahrhafte Ahhildung derjenigen Luflma«<hint\ welrhe vom Unchfürstl. Thum- und Taxiechen Hofralh .1. M. Krcyhfrrn von I.ttlgendorf mit vielen eigens erfundenen Ycrlie«seruiig«t i»t verfertigt worden. Ocstochen und verlegt von J. C. Schleich in Aug?t>urg. Kine Bogengroße.

1) A O. I'. den 2H. May.

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mit starkem Leder überzogen, inwendig mit rotlieni Taflet bekleidet und von außen im besten Geschmack vergoldet und lackiert. Die 2 darin angebrachten Sitze hängen in Kiemen und können im Notfall als Hallast über Bord geworfen werden. Der ganze Ballon ist mit einem aus feinem Hanf verfertigten Netz umgeben, das in seiner Peripherie um einen halben Schuh kleiner ist als der Ballon selbst, um dadurch das mögliche, jedoch nicht wahrscheinliche Beißen des Ballons zu verhindern. Denn da der Ballon sich durch das Netz nicht genug ausdehnen kann, so wird er auch nicht leichtlich reißen. Bekäme er aber in seiner oberen Hälfte wider alle Wahrscheinlichkeit einen Biß, so hat der Herr Baron durch einen sehr sinnreichen Mechanismus dafür gesorgt, daß sich der unlere Teil des Ballons sogleich in den oberen hinein begibt und einen Fallschirm formirt, der das im Großen vorstellt, was des Herrn Blanchard bekannte Parachule im Kleinen ist. Das oben angebrachte Ventil verdient die Aufmerksamkeit der Sachverständigen und wird die besten Dienste leisten. Es dient dazu, daß der Luftschiffer durch solches der Luft den Austritt verschalen kann, sobald er eine Spannung in seinem Ballon wahrnimmt. Um ihn zu versichern, daß das Ventil geöffnet ist, gibt es ein Zeichen mit einem Glockenschlag, und um ihn wieder des Geschlossenseins zu vergewissern, tönt aus ihm eine andere Glocke mit lautem Klange. Die beiden Buder sind mit vieler Kunst verfertigt; sie bestehen aus mehreren mit Federn besetzten Flächen, welche bei der Erhebung dem Druck der Luft gar nicht widerstehen, im Gegenfall aber die stärkste Wirkung tun. Von den 3 Fahnen, womit das Schilfchen bei der Auffahrt geziert sein wird, ist die erste mit «lern Wappen Sr. Hochfürstl. Durchlaucht, des Pfalzgrafen v. Birkenfeld, die 2. mit dem des Fürsten Thum- und Taxis, die 3. mit dem Wappen der Reichsstadt Augsburg geziert, und die Farbe der Fahnen mit jedem Wappen analog. Der übrige mannigfaltige Apparat ist bereits größtenteils fertijr, und das Ganze wird täglich von vielen Einheimischen und Fremden bewundert. Bei Gelegenheit der Auffahrt gedenkt der Herr Baron von einer Stahlfederwage Gebrauch zu machen, welche eine herrliche Erfindung des Herzoglieh Sachsen-Gothaischen Bergwerks-Commissarius Herrn von Rosenthal ist. Sie ist wie ein Teller gestaltet und wird bei der Füllung die zunehmende Hebekraft im Ballon von Pfund zu Pfund anzeigen. Unser deutscher erster Aeronaut wird ganz allein auffahren (ohngeachlet mehrere angesehene Personen Lust zur Mitfahrt bezeigen), um desto ungestörter nützliche Beobachtungen in der oberen Atmosphäre anstellen zu können. Endlich ist auch der Ort der Auffahrt so gut als festgesetzt. Es ist die Ebene zwischen den Sieben Tischen und Hausstätten, außerhalb des Waldes dazu ausersehen, wo für die Bequemlichkeit aller Hohen Herrschaften und Subseribenten von allen Ständen die möglichste Sorgfalt wird angewendet werden. Bis zum Augenblick der Auffahrt selbst kann das angenehme Gehölze vieles Vergnügen gewähren. Ohngeachlet der Ballon in wenigen Wochen mit dem ganzen Apparat fertig sein wird, so hindern doch einige wichtige Gründe den Herrn Baron, die Luftreise eher als im Julius oder zu Anfang

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des August anzn stellen. Zuverlässig aber werden die Leser wenigstens 2—3 Wochen zuvor von dem gewissen Tage der Abreise benachrichtigt werden. Die Schwierigkeit, woher die benötigte große Quantität von 2i Zentner Keilspäne herzubekommen wären, ist glücklich gehoben, und eine eigens dazu erdachte Maschine ist an einer hiesigen Mühle angebracht worden, wo eine starke Feile in kurzer Zeit eine Menge der reinsten Feilspähne liefert. *

«Uberhaupt ist es», so fährt der begeisterte Artikelschreiber fort, «ein angenehmer Gedanke, den wir hier nicht unberührt lassen können, daß der Herr Baron v. Lülgendorf als der erste deutsche Luftschiffer von allen Seilen in seinem Unternehmen großmülhige Gönner und Freunde findet, die durch ihr Betragen beweisen, daß sie gegen eine der bewunderungswürdigsten Erfindungen unseres Jahrhunderts nicht gleichgültig seyen, die wie jede andere bisher gemachte Erfindung erst durch ihre Vervollkommnung und nähere Anwendung sehr wichtig werden kann. So empfahlen z. B. Se. Hochfürsll. Durchlaucht, der Pfalzgraf von Birkenfeld den Herrn Baron der Reichsstadt Augsburg durch ein eigenes Schreiben: die hiesige Hohe Übrigkeit willfahrt ihm in jedem Gesuche aufs huldreichste, und mehrere angesehene Personen des hiesigen Publieums beeifern sich, ihm sein Unternehmen zu erleichtern, so daß der Herr Baron ungemein darüber vergnügt ist, Augsburg zum Orte seiner Auffahrt ausgewählt zu haben. Auch Se. Excellenz, der Herr Domdechant Freyherr von Reischach, der außer seinen übrigen ausgebreiteten Verdiensten, selbst ein feiner Kenner der schönen Künste und Wissenschaften ist, räumte dem Herrn Raron, der seit seiner Ankunft einige Monathe lang in dem berühmten Gasthof zu den Drey Mohren logirt hatte, seinen 2. Hof, eine sehr angenehme und für ihn bequeme Wohnung ein. Was wir bisher zur Steuer der Wahrheit gesagt haben, dünkt uns hinreichend zu seyn, um das Publicum von der allgemeinen Achtung zu überzeugen, welche sich der Herr Baron durch seine seltenen Kenntnisse und persönlichen Charakter, durch seine angeborene Modestie erworben hat, wie auch, um zugleich die Urheber jener grundfalschen Gerüchte zu beschämen, die sie aus Mißgunst und Verleumdungssucht, oder aus niedriger Bosheit in der Nähe und Ferne ausgebreitet haben, um einen rechtschaffenen Mann in seinem mühsamen Unternehmen zu hindern oder seinen Credit zu schädigen. Diese Gerüchte sind würcklich zu abgeschmackt, als daß sie eine ausführliche Widerlegung verdienten, so leicht uns diese auch, ohne in den Verdacht eines gedungenen Lobredners zu fallen, sein würde.

Die allseitige Teilnahme großmütiger Gönner aus der Nähe und Ferne war in der Tat so stark, daß der Herr Baron über ein derartiges Benehmen ungemein vergnügt sein konnte. In vielen größeren Städten Kuropas fanden sieh mehrere Subskribenten mit namhaften Beiträgen.21 So zeichnete ein Herr aus Warschau sogar 80 fl. rheinisch, und zuletzt fehlte nicht einmal Buxtehude. Die Begeisterung für Lütgendorf stieg von Tag zu Tag. Der

A. O. C. ,ien L>»>. Muy. >) A. O. Z. Mitiworh. ilcn 2». May I7*fi 2fi. May.

Illiislr. A>;ronntit. Mitteil. VII. Jahre. 2!l

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Luftball war ja schön, und herrlich und prächtig das Schiffchen, in dem der Herr Baron in die Luft steigen wollte und dort herumzusegeln versprach. Man konnte nunmehr die ganze Maschine sehen. Jung und Alt, Grob und Klein, Reich und Arm, Hoch und Niedrig, alles wallfahrtete nach dem Jesuiter-Komödienhaus, besah dieses Wunder und staunte es an — fürs Geld.

Unter den Gönnern in der Reichsstadt bezeugte Herr Weinwirt Strauß, Rittmeister und Kommandeur der sogenannten ^silbernen» bürgerlichen Reiterkompagnie, so großes Vergnügen über den ehemaligen Herrn Kameraden und nunmehrigen ersten deutschen Acronaulen und dessen bevorstehende Luftreise, daß er ihm zu Khren durch Kupferstecher Dayser allhier eine Medaille prägen ließ, welche von Liebhabern für 24 kr. in Zinn, in fein Silber Tür 4 II. und in Gold für 80 II. bei Tobias Winckler, Handelsmann an der Schmidgasse, ohnfern der Maurmühl käuflich erworben werden konnte.1)

Aid' der Vorderseile war das Bildnis Lütgendorfs mit der Umschrift: Straus Praefect. Turmalis dieavit L. B. de Lütgendorf Aeronaut. germ. I. oder «Strauß, Rittmeister der bürgerlichen Reiterei widmet dieses dem I. deutschen Luftschiller, Freiherrn v. Liitgendorf>. Auf der Rückseite befand sich die Ansieht auf die Stadl Augsburg von Mittag, und der aufsteigende Luftballon, mit der Umschrift: Augusto ascendit Augustae Vindclic. oder «steigt im August Monath in Augsburg auf. Im Jahre 178l>. »*)

War nun Rittmeister Strauß darauf bedacht, die zukünftigen, noch sehr ungewissen Verdienste Lütgendorfs um die deutsche Ehre so frühzeitig, in Erz gegraben, der Nachwelt zu verkünden, so blieben andere, welche sich Apollos Gaben rühmen konnten, nicht zurück, den Ruhm des Helden der Zukunft in Gedichten bis zu den Sternen zu erheben. Die Palme unter diesen Dichterlingen verdient wohl Peter Neuß der Sohn mit seiner Ode auf die Lulireise des Herrn Baron v. Lütgendorf.3) Nachdem der Verfasser eine Lobhymne auf den Menschen überhaupt gesungen, der des Meeres Wellen begrenze, reiche Städte erbaue, wo sich die Wellen schwellen, zu dessen Füßen der Löwe hingebannt liege, der selbst den Adler im höchsten Sonnenflug erwürge, widmet der Sänger einige Strophen dem Verdienste Montgolfiers, des Unsterblichen, der das Werk ersann, sich zu Wolkenhöhen emporzuschwingen, auf die mit Graus selbst rasche Adler sehen.....

«Doch Lütgendorf ward es gegeben, das schöne, stolze Glück, dem Kränzen nachzustreben. Du theilst den Ituhm mit ihm: Du zeigst, daß teutsches Blut noch teutsche Adern schwellt; Du hast mit edelm Muth Dich um Blancharden nachgeschwungen und rühmlich Dir den

Lorbeerkranz errungen! Wirst Du mit Ituhm zuriiekekehren, so wird der Jubel sich und das hntzücken mehren. Komm", nimm den Lorbeerkranz! Heil Dir. o Vaterstadt, daß dieses stolze Glück Dich neu geadelt hat!

Die Nachwelt wird mit Staunen lesen, wer Lütjendorf, wie kühn sein Mut gewesen.» In Bothammers poetischem Traumgesicht: 'Merkur, der Göttergesandte

') Zapf. Aiignlitireiwi.tie HiMiothpk, I. Ilan-I. nag, IM«.

>> Augslnirger StadtLibliothvk : Sarnmcll'and 7.11 Luftschiffahrt, :>a und :>b, 6.

-1) OJi* auf di<_- Luftrci-c des Herrn Itaron v. I.iltgeniiorf. Oesungon von IVtcr Nciiß dem Sohn Aug-dmrg, gf.lruckl ln-y Johann Amlrra.m |lrinhau*>i>r. 17HÖ.

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an Teutschlands ersten Luftschiffer, Freyherrn von Lülgendorf»,1) kommt die Begeisterung für die gute Sache und ihren Vertreter nicht minder zum Ausdruck. Doch diese Schrift, wie auch alle andern, kamen zu früh zur Welt, und die Väter derselben hatten nachher wenig Ehre daran zu erleben.

Im bunten Wolkenwirbel schwebt der Götterbote, eilbellügelt, ruhmverkündend gen Augsburg hinab, des Ruhmes Füllhorn in der rechten, den Lorbeerkranz in der linken Hand haltend. «Wer ist der Mann, den Götter zu sieh laden? Wie ist sein Name, und sproß er wohl aus teutschem Boden? Wie? brüstet sich mit Wundermacht der Franzmann nur? Germanien erwach" aus Deinem Schlummer! Nun wagt ein kühner Landsmann auch ein Werk, das eh" des neidischen Auslands Hochmuth schwellte, den

widerspünstigen Äther mit dreisten Segeln zu durchschneiden, zu trotzen den trügerischen, noch unbekannten Sphären, sich in Göttergefilde selbst zu drängen.» Nachdem der Götterbote seine Arme kosend um Lütgendorf geschlungen, fährt er begeistert fort: «Die Götter segnen Dein Beginnen; es ist ihr Werk der Geist, der Dich beseelt. Dir war's in ihrem Ratschlull vorbehalten — aus teutschem Rlut der erste, der Teutschen Mannskraft zu beweisen!» — Bei Johann Michael Gerolt, bürgert. Buchdrucker in Friedberg im Churbaieri-schen, erschienen sogar «Arien auf den Luftball in einer Oprelte von drey Aufzügen. Herausgegeben den 21. August als dem Tage der Luftreise des Freyherrn v. Lütgendorf. Nebst einem Sinnbilde dieses teutschen ersten Künstlers.»8)

In einer Ode Auf die Luftreise des nt.ibiatt «ine» zeHa«i.SMiscber, Spottgedichte,. |lochfürstliehen Thum- und Taxischen llof-

raths, Herrn Jos. Freyherrn von Lütgendorf, welche den 24. May 1780 in tler Beichsstadt Augsburg geschehen wird» (Augsburg, bei Phil. Joseph Fill), kommt zwar der deutsche Gedanke auch zum Durchbruch; doch ist sie nichts weiter als eine plumpe Reklame, um den Subskribenlenfang recht ergiebig zu machen.

Derrgeistige Urheber ist daher nicht schwer zu erraten, die »angeborene Modestie* tritt hierin so recht an den Tag. Anbei einige Strophen als Muster: 1. «Auf. Söhne Teutschlands, hört! Ein Teutscher will es wanm.

In einen Luftballon sich durch die Luft zu tragen.»

'i Merkur «Irr GötMIfMandta an Teilt»« hlnnde ersten Luft«« hiftVr Freyherrn v. Lütjendorf, ein Traum-gecb-lit von KnthamnuT, 17*6.

*l Arien auf den Luftballon .... Friodberg. ticdrmkt bey Job. Michael Oeroll, bdrgerl. Kuchdruiker.

2. «Itaron von l.ülgendorf will Teutschlands Ulanchard seyn, lud hulet Kuch zur Schau und Filterst iil/.ung ein. Schon richtet er sein Werk, schon hauet et den Nachen, I in seine Wunderfahrt von Augsburg aus zu machen.»

A. «Ks ist nicht Hexerei, mein Landinann, nicht Itelrug:

Nein! ganz in der Natur gegründet ist sein Flug.

Komin*, über/enge Dich, wie weit es Menschen bringen.

Wenn sie mit Forsthergcisl sich immer hoher schwingen.

I nd Du, o Teutschlands Freund, komm', sieh' den Kdlen an.

Der zeigt, dab nicht allein der Itrilte Iiiegen kann.

Daf« nicht nur der Frauzns die Kiiftmaschin verstehet.

Dab auch ein Teutscher folgt uml Wold noch weiter gehet'» ■l. «0 Teiilsche! seht, wie grub ein Häver .«.ich bezeiget.

Wenn er im Fiirstenchor das Wunderschiff besteiget.

Haid. Freunde, wird er «ich mit Majestät erheben

Und wie ein Meleor auf unsern Scheiteln schweben.

Wie blitzscbnell er entfahrt, wie er die (iimdel lenkt.

Haid Wolken überfliegt, bald sanft sich niedersenkt!» .">. ^<). kommet doch herbei, die ihr die Künste ehret.

Die ihr Wissenschaft und Schöngcfühlc nähret;

Kommt, adelt inisre Stadt und adelt den Hallon.

lud denkt: ein Teutscher Iiicgi. und Huhm nur ist sein Lohn.»1

Es fehlte auch nicht an wohlgemeinten, warnenden Stimmen, tun Lülgendorf von .seinem tollkühnen Unternehmen anzubringen. So erheb 'ein Freund der Wahrheit > in Versen Moralische Gedanken über die bevorstehende Luftreise nach Hegenshurg*: der Verfasser warnt den kühnen Luftschiffer vor den drohenden Gefahren, wenn gebling in der Luft ilas SchilT sollt' uniergehen. Wer wird ihm helfen wohl, wer wird die Hand ihm bieten'/ O, gewiblich, Niemand mehr .... .Man soll zuvor sich hüten! . . Ach, wage nicht zu viel. Du Kdlcr, denk' zurücke! Verschone Deine Seel", vertrau Dich nicht dem G'schicke! -i

Da Lülgendorf trotz seiner eigens <lazu ausgeduchten Maschine, welche an einer Mühle angebracht worden war, die benötigte Ouantitüt von 2 ►Ztr. Feilspänen zur festgesetzten Frist nicht erhalten konnte, und auch die auswärtigen Lieferungen sieh verzögerten, so konnte er seine Luftfahrt nach der Fronleichnamsoktave nicht antreten, Krst am 17. .luli waren die Zeitungen in der Lage, dem Publikum die angenehme Nachrieht mitzuteilen, dal! die schon mehrmals angekündigte Luftfahrt nunmehr unabänderlich auf den 2i. August, als am Gedäehtnistage des big. Bartholomäus, vor sich gehen werde. Zwar würde der Herr Baron, weil sowohl der Lufthall als auch der übrige Apparat ganz fertig sei, schon im gegenwärtigen Monat Julius seine Lullreise angestellt haben, wenn nicht mehrere vornehme Herrschaften sich geäulierl halten, diese Zeit würde ihnen für die llieherreise die bequemste sein,

'} Aup»burj!tT StaillbibüotVk, Sammelbiiiel Nr. Ii.

*i M"r.«li-' tu <>' il.mki ii in Vi-r-'m. lil.rr «Ii»- \«\ nr>|.-h' rib- Lnlin-i-.- «.üb It> ^«i><biirj! von Fr. v. L. in <l< r In. /u v r[rrij-,'!"ii .SLi«. Iiine um «imm KnunJi- <Kt Wahrheil h*Tiiu>j'.-gehcii. Ann« J78I».

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Inzwischen suchte Lütgendorf das bereits ungeduldige Publikum durch kleinere, bescheidene aeronautische Versuche im Zaum zu hallen, die zum Ted gelangen, zum Teil versagten, und daher bei vielen Zuschauern Zweifel erregten, ob wohl Lütgendorf am 2%. August imstande sein werde, durchzuführen, was er bis jetzt mit dem Mumie und der Feder zugesagt.

Das ziemlich gesunkene Renommee des Herrn Baron wurde durch die Publikationen des berühmten Dillinger Professors .Joseph v. Weber1) wieder gehoben, der auf eine Einladung Lütgendorfs hin zur Besichtigung des Ballons nach Augsburg fuhr und dabei Veranlassung fand, den zukünftigen Aeronauten in den überschwenglichsten Worten zu preisen und den Bau der Luftmaschine und des übrigen Apparats als so vorsichtig und künstlich eingerichtet zu schildern, daß man an dem guten Erfolge der Luftreise nicht wohl zweifeln könne. Das Urteil eines solchen Mannes berechtigte wohl zu optimistischer Hinneigung. Bei seiner Bückkehr nach Dillingen fand er Veranlassung, in mehreren Zeitungen die gewonnenen Eindrücke in Form eines offenen Briefes wiederzugeben. Nun bin ich imstande», so schreibt Professor Weber, «Ihnen von der LütgendotTsehen Luftmaschine in Augsburg eine zuverlässige Nachricht zu geben. Ich habe selbst eine Heise nach Augsburg gemacht, selbst alles in Augenschein genommen, genau alles durchsucht, und nach meiner Ansicht gefunden, dal} die Geschicklichkeit des Herrn Baron v. L. mit seinem grollen Unternehmen vollkommen übereinstimme. An dieser Aerostate wurden wirklich keine Kosten gespart, um ihr nicht nur Festigkeit, sondern auch Schönheit zu verleihen. Ich muH gestehen, die Hauptsache und die Verzierungen haben meine Erwartungen weit über!rollen. Ich übergehe die vielen kleinen mechanischen Handgrille, welche der Herr Baron allerorts an seiner Maschine mit groliem Scharfsinn angebracht hat, und melde Ihnen nur das Hauptsächlichste davon, um Sie in den Stand zu setzen, einigermaßen darüber urteilen zu können...... Tin die kugelförmige Figur gewiß

zu erhalten, baute der Herr Baron eine Art von hölzernem Gewölbe aus Latten und machte daran den Tall'ct zurecht. An eben dieses Gewölbe machte er eine meisterhafte Stiege oder Leiter; sie paßt an die Halbkugel genau an, läßt sich sehr bequem um dieselbe herumziehen und gewährt dadurch den Vorteil, daß alle Näthe des Ballons ohne weiteres Gerüst gefirnißt, und die Löcher, welche die Nadel gemacht, wohl ausgestopft werden können. Der Firniß, womit der TalTet auf beiden Seiten übertüncht ist, macht ihn der Luft so undurchdringlich, daß ich nicht imstande war, aus meinem Munde, an den ich den TalTet genau anschloß, mit Gewalt eine Luft durchzustoßen..... Das Schill" ist sehr künstlich und mit der größten Vorsorge

gebaut. Die Reife und Schienen, woraus es zusaminengemacht ist, sind alle

'( Oehoreri den IA, Sept. 17.W zu Hain. gestorben in Aug-burg II. Februar 1*31. Kr mm hie seine iihilosonhlsehi'ii Stiidh-u l>«i <lcii .)'mit''!! /u Autt-hur;. «tudii-rle dann xu Dillinp-ii Theologie. I7H1 ernannte ilm Churfilrsl Climen» Wciii-O'laus zum Professor der Philosophie mul Physik zu l)il]iu?en. Uei Gelegenheit di'- sogenannten hairi-vh'-n llexenkrioge*. wo der (iegr>ni*Htz xwiselien den Aiißx'burgor Jesuiten und den Dilliuger Professoren l"-M>nder.-< hervortrat, ven'tllentlnhte er ein SehriFtrhen über den l'n-rriin.J des llcxeti-und (ie«[>eri*terslauheni! in ukonomiolien Lee**tunden .larf--tel|l.. A. O. 1*. Ilillinjen. den 3«>. Julii.

»»» 204 ««M«

mit vielen hundert Schrauben aneinander befestigt, und durch die Schnüre, mittelst welcher das Schilf mit Stricken an den Ballon angebunden ist, ist für die Haltung mit außerordentlicher Genauigkeit gesorgt. An beiden Seiten des Schiffes sind Ruder angehängt, die nach allen Richtungen beweglich sind, und die ich mir wie Fensterstücke vorstelle, in welche statt der Gläser 4 gefirnißte Seidenstücke eingesetzt sind, sodaß diese seidenen Fensterchen sich beim Niederdrücken sehließen und die Luft andrücken, beim Aufheben öffnen und die Luft durchlassen. Diese Ruder dienen zur Direktion, wenn etwa der Ballon an einem Platze, der dem Herrn Baron nicht gefällig sein würde, niedersitzen wollte. Im Schilfe liegen 2 Ztr. Ballast, um durch Auswerfen desselben das Schiff beim Herabkommen wieder leichter zu machen und nochmals in die höhere Luft aufheben zu können. Auch ist im Schiff Platz für eine Landkarte, einen Kompaß, ein Fernrohr, einen Barometer, Thermometer u. dgl., welche der Herr Baron mitnehmen werden, daß man sehen kann, er habe nicht allein die Absicht, sich einer großen Menge von Zuschauern darzustellen, sondern auch neue Beobachtungen zu machen und neue Erfahrungen auf seiner Luftreise, die er unter den Teutschen am ersten unternimmt, zu machen. Das Luftschiff ist überdies mit einem Anker versehen: Dieser besteht aus 2 Rüdlein, die durch eine Achse zusammengemacht sind, und die an ihrer Peripherie Haken besitzen, damit sie einfallen, wo sie immer auffallen. Übrigens ist das Schilfeheu so herrlich verziert, daß der Geschmack des Herrn Baron daraus ebenso gut als sein Genie zur Mechanik herausleuchtet. Die Maschine, in welcher die brennbare Luft entwickelt wird, ist nicht minder merkwürdig und verräth abermals den denkenden Kopf des Herrn Baron. Die Einrichtung ist getroffen, daß die Anfüllung des Ballons mit viel weniger Aufwand und in viel kürzerer Zeit erfolgen muß, als es bei Blanebard geschehen. Kurz, der Bau dieser Luftmaschine und des übrigen Apparats ist so vorsichtig und künstlich hergerichtet, daß man an dem guten Erfolg der Luflreise nicht wohl zweifeln kann.»

War es Zufall oder Absicht, daß Herr Professor Weber mit einem fremden Sachverständigen zusammentreten mußte, der nicht versäumte, jenen in ausgiebigster Weise über seine Ansicht über die Luftmaschine auszuforschen? In einem offenen Briefe de dato 27. .luli an Herrn X.....

beging der Fremdling die Indiskretion, alles mitzuteilen, was ihm der Herr Professor in seiner Begeisterung anvertraut hatte.1) <Gestern bin ich», so schreibt unser Anonymus, «in Augsburg angekommen, und heute war mein erster Gang in das Jesuiter-Theater, um den Luftballon des Freiherrn v. L. und seinen ganzen dazu nötigen Apparat us zu sehen. — Glücklicherweise traf ich eben einen berühmten Professor der Physik, Herrn Weber aus Dillingen, daselbst an, der, wie es scheint, hauptsächlich deswegen die Beise nach Augsburg gemacht hat, um den Fortgang und die

>j A. 0. P. Dminorstag, den 27. Julii. A.

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ganze Einrichtung des Luftballons in Augenschein zu nehmen. Dieser gelehrte Mann, der allerdings als Sachverständiger darüber urteilen kann, wurde beim Anblick des beinahe fertigen Luftballons, der seine Erwartung weit übertraf, in die angenehmste Verwunderung versetzt. Der Herr Baron zeigte und erklärte ihm alle Teile seines sämmtlichen Apparatus, und Herr Professor Weber muhte gestehen, daß die Verbesserungen, welche an den Füllungsmaschinen angebracht worden, sehr wichtig und zweckmäßig seyen. Um ihn davon noch mehr zu überzeugen, machte der Herr Baron mit einem kleinen Luftballon von dritthalb Schuhen, den er mittelst einer kleinen Küllungsmaschine innerhalb einer Minute lullte und steigen ließ, die Probe. Herr Professor Weber war darüber so vergnügt, daß er sich auf der Stelle entschloß, eine ausführliche Beschreibung des Luftballons und des ganzen Apparatus nach allen Rücksichten zu verfassen, welche nächstens erscheinen wird, und wozu der Herr Baron die nöthigen Kupfer zu liefern sich erboten hat — ein dem Publikum gewiß sehr angenehmes Geschenk!»1) — So viel über die Begegnung unseres Fremdlings mit Herrn Professor Weber. So en passant fügt er noch hinzu, daß ihn noch am gleichen Tage nachmittags die Neugierde abermals nach dem Jesuiter-Theater hinausgelockt habe, wo er zwei reisende französische Cavaliers getroffen habe, die den Herrn Blanchard in Brüssel hatten auffahren sehen, und die alles mit sehr aufmerksamen und forschenden Augen betrachteten. Beim Weggehen sagten sie dem Herrn Baron in den verbindlichsten Ausdrücken: «Mein Herr, selbst Paris würde die Einrichtung Ihrer Anstalten bewundern. Sie leisten mehr als noch kein Aeronaut vor Ihnen! » —

Am 27. Juli wurde gegen Erlag von 3 Kr. pro Stück der Plan vom Amphitheater2) herausgegeben, das nunmehr bei den Sieben Tischen errichtet wurde. Der Füllungsplatz selbst war auf 3600 Quadratschuh berechnet. In das 20 Schuh lange Füllungsrohr von Taffet münden von rechts und links zwei lederne Füllungsschläuche, welche an einer 6 Zoll weiten blechernen Kommunikalionsröhre angebracht sind. Mit dieser selbst stehen wieder 6 blecherne Füllungskolben in Verbindung, die mit Messinghähnen versehen sind, woran sich Schlußfedern befinden, um das Eindringen der atmosphärischen Luft zu verhindern. Diese Kolben liegen auf je 2 Reihen von Kufen: diejenigen der 1. Reihe sind mit Wasser gefüllt zur Abkühlung der fermentierenden Vitriolsäure und Feilspäne. In den Kufen der 2. Reihe soll die Auflösung der sich krustierenden Feilspüne durch eiserne Rechen befördert werden. Der noch ungefüllte Rallon soll an 2 großen Baumstämmen aufgezogen werden. — Die Zuschauerplätze waren auf dem Plane für eine

»i Weber, Cber den Wert der Luftmavchiiien, eine akademische Hede. Dillingeu, 1788, in

Oktav.

*) Plan vnn dem Amphitheater zu der nuT den äl. August 17WI bestimmten Füllung des vom Hnchfüritliehen Thum- und Taxiirhcn Hofrat Freyherrn von Lütgendorf zur Luftrei>e von Augsburg, mit Verbesserung. Zierde und Pracht, auch außerordentlichem Aufwände verfertigten, 3'» Schuhe im Durchschnitt und 37 in der Höhe hallenden Luftballon«. Kine HogongTüße.

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übergroße Zahl von Neugierigen berechnet. An «Jen Hingängen waren zunächst Galerien für die Feldmusik, Trompeter und Paukenschläger angebracht. Ks fehlte auch nicht an in Notfällen unentbehrlichen Appartements, au welche sich die Balkons für distinguierte höchste Personen anschlössen, welche über das bestimmte Entreegeld noch -Dons gratuits - bezahlen durften.

8 Kommunikationsliegen führen zu den höheren Zuschauerräumen, i an der Zahl, jeder f>0 Schuh lang und ebenso breit, auf deren jedem 1080 Personen geräumig stehen können, alle 4 Plätze aber i3"20 Personen in sich lassen. Außerhalb der Tribünen befindel sich ein großer Umkreis von 150 Hulen oder (J(Ki Schuh, in welchem mehr als 10000 nichts bezahlende oder freiwillige, nach Gutbetinden kontribuierende Zuschauer den Ballon aufsteigen sehen können. Kineo angenehmen, aber auch nützlichen Abschluß des Ganzen bilden die Kaifee- und Erfrischungsplälze, die .Markedenlerhütten, und endlich eine 33 Schuh lange und Ii1,'» Schuh breite Waeht-hütle, worüber ein Observatorium zur Bestimmung der Abfahrt nach der Magnetnadel und Windrose angebracht werden soll.

Immer näher rückte der entscheidende Moment heran, der den ersten deutschen Aeronauten in die Schranken fordern sollte. Trotz seines überaus grolien Anhangs landen sieh noch immer Ungläubige, welche dem Herrn Baron die zu dieser Tat erforderliche Kühnheit absprachen. Noch am 10. August mußte er wieder die Presse um Hille rufen. Ks sei ihm mehrmalen zu Ohren gekommen, es belustigten sich ein oder mehrere Wilzlinge mit der Aussage, er werde selbst nicht aufsteigen. Doch wollte unser erster leuischer Luflschifter hiemit sowohl ein hiesiges als auswärtiges geehrtes Publicum versichern, daß er die mit so außerordentlichen Kosten gebaute Maschine nicht um öO<hm> pi. einen anderen besteigen und die Heise machen lasse, .ledermann, der bisher den Luftballon und das Schiffchen gesehen, gehe voll Zufriedenheit und Staunen weg und gestehe, dal! das Schauspiel, den Herrn Baron mit demselben in die Luit steigen zu sehen, unbeschreiblich schön seyn müsse.

Lütgendorf halte es verslanden, die Kunde von seiner Luflreise möglichst weit zu verbreiten, und schon Wochen vorher strömte eine ungeheure, auf mehr als lmiMHJ Menschen angegebene Menge von Fremden aus der Nähe und aus weder Ferne, aus Prag, Wien, Straßburg und besonders aus anderen rheinischen Stadien; aus Nürnberg, Würzburg, Bamberg, Erlangen: aus München und anderen Orten, sowie aus der ganzen benachbarten Gegend nach Augsburg zusammen.1! — Bald wurde der Andrang so groß, daß sieh alle später Angekommenen nach den benachbarten Orten und Dörfern wenden mußten, um in dortigen Gast- und Privathäusern eine bescheidene Unterkunft zu linden. Bei Tage fand sich alles auf der grollen Wiese bei den Sieben Tischen wieder zusammen: dort herrsehte das bunteste Leben in den

'} i Millni.imi. Cn-.-.s Kit ht'' 4er Stit.lt Auü-liursr, Hanl Kvit«- 27ti et.-.

vielen Traiteur-, Marketcndcrhülten un<l Gezeiten, wo Gel ranke und Speisen aller Art, recht und schlecht, als Leibesatzung zu haben waren. Um für das Feslpuhlikum auch die Abende möglichst kurzweilig und erlusligend zu gestallen, so konnten sich Leute aus den mittleren Ständen vom 20.- 21. August an, jedesmal von 7 Uhr abends an in Oberhausen den Freuden des Tanzes hingeben. Für die höheren und besseren Stände wurden im benachbarten Dorfe Göppingen in den beiden dortigen Gasthäusern, bei Haas und Scherer, Halle gegeben, welche von den Fremden jedesmal zum Erdrücken stark besucht wurden. Virtuosen, welche die Luftreise herbeigelockt hatte, veranstalteten große Konzerte, wozu ihnen mit hoehobrigkeillicher Bewilligung der Saal auf der Herren Patrizierslube gütigst zugestanden wurde. Auch der bekannte Opern- und Luslspieldichter, der Freund Mozarts, Emanuel Schika-neder, ein geborener Begensburger (geb. 17öl), hatte sich eingefunden. — Er hatte bereits ein Spektakelstück, Der Luftballon betitelt, verfallt und von seiner anwesenden Gesellschaft einstudieren lassen, während dessen der mit heiler Baut — wie man hoffte — glücklich zurückgekehrte Luftschiffe r im Thealer mit grollein Applaus gekrönt werden sollte.

Das plötzliche Erscheinen einer so ungeheuren Menschenmenge veranlagte einen hohen Bat, wegen innerlicher und äußerlicher Sicherheil Vorsehung zu nehmen und über die Vorschläge, welche Lütgendorf in einem Promemoria zusammengefaßt halte, durchgehends und punktenweise darüber zu resolviereii. Dies geschah in einer außerordentlichen Ratssitzung von Freitag, den is. August, in Gegenwart der Herren Ratskonsulenlen'), Die Vorschläge des Herrn Baron, der alle Verantwortung und Kosten auf die Stadl abzuwälzen suchte, fanden dabei die gebührende Abweisung. Es wurde nun an die beiden Stadlgardehauptleule folgendes Dekret erlassen: «Am Tage, wo der Baron seine Luftballonfuhrt unternimmt, sollen nur das Klenker-, Güppinger-, Rothe- und Schwibbogenthor bis Abends !)'' offen gelassen weiden; die übrigen Stadtthore verbleiben von Dl1' Morgens an versperrt. Um 9h Abends ist das .lakobertbor als Batzeneinlaßlhor wieder zu öffnen. Sämmlliche Piquethäuser in der Stadt sind zur Handhabung der öffentlichen Sicherheit, Buhe und Ordnung mit gehöriger Waehtmannschaft zu besetzen, welche unablässig in den Straßen der Stadt und in den Wirths-häusern zu patrouillireri hat. Die Haupt wache ist mit 20 Mann zu besetzen, das Klenker-, Rothe-, Schwibbogen- und Göppingerlhor, jedes mit lä Mann. Die Tage zuvor soll unter den Stadtthoren auf die einpassirenden Fremden genaue Obacht gehalten, solche examinirl. und alles sogleich auf die Hauptwache gemeldet werden; alles verdächtige Volk soll in die Stadt nicht eingelassen, sondern abgewiesen werden. Auch ist den Wachen unter dem Rothen-Thor und Schwibbogenlhor aufzutragen, daß Fahrende und Reitende bloß unter dem Göppingerlhor heraus- und unter dem Klenkerthor in die Stadt hereinpassiren können: deswegen sind am Rothen- und Schwibbogenthore

') H. l'r. Actum Frrytuif« >lcn IM. AuiMut ITH*, in extraordinarin IlluMr. Aeronaut. Mittfil. VII. Jahr».

.in

die Sehlagbäume heruterzulassen, und dürfen daselbst nur die Fußgänger passiren. Die Stege und Drücken sollen untersucht und dauerhaft hergestellt und mit Geländern versehen werden und alsdann stehen bleiben; desgleichen soll durch das Hauamt das Lülgendorfsehe Amphitheater so visilirt werden, ob solches dergestalt sieher erbaut sey, daß keine Gefahr des Einsturzes zu besorgen stehe. — Herr Fähnrich Grießbeek mit 3t) dienstmachenden Leuten vom Contingent, exclusive der dazu erforderlichen Korporals und Gefreiten, sollen zum Amphitheater kommandirt, die 12 Eingänge, jeder mit einein Mann besetzt werden; berittene Dragoner sollen den äußeren Kreis umstellen, und beide Commando auf Vermeidung aller Unordnung den Hedacht nehmen: auch ist die dortige Arbeitshülte zu einer Wachhütte zu apliren. Wegen der innerlichen Sicherheit wurde noch beschlossen, daß die beiden Amtsbürgermeister mit ihren Amtsbedienten am Tage der Auffahrt in der Stadt bleiben, sich in curiam begeben und dort sich aufhalten sollten. — Da auch bekannt wurde, daß auf diese Zeit der hohe Gönner und Fürsprecher Lütgendorfs, der Pfalzgraf von Birkenfeld, hier eintreffen und drei Tage verweilen werde, so wurde beschlossen, denselben durch eine Katsdepulation geziemend complimentiren zu lassen. Die Herrn Stadtgardehauptleute auf der Haupt wache haben die Ordre zu erteilen, daß, wenn Hochfürstl. Durchlaucht vor dem Bathhause vorbeipassiren. die Hauptwache, gleich auch die bürgerliche Wache von der Ehrencompagnie mit Rührung des Spieles die Honneurs mache. *

Mit Genehmigung des Magistrats hatte Lütgendorf in den letzten Tagen seinen Ballon vom .lesuiten-Koinödienhans auf dem eingegangenen Friedhof bei Sankt Stephan zur Schau ausgestellt.

Der 2L August erschien. Allein Sturm und Regen, der auch am 25. anhielt, erlaubte nicht, an die Auffahrt zu denken. Am 26. heiterte sich endlich der Himmel auf. Um 1M)1' früh wurde der Ballon und die Gondel auf 2 vierspännigen Wagen mit dem ganzen Füllungsapparat unter Begleitung eines Kommandos von berittenen Kreiskontingenls-Dragonern und Einspännern unter Zulauf einer unermeßlichen Volksmenge nach dem Platz im Amphitheater gebracht, Vorher schon, um 8h morgens, war der Kreisinfanteriekontingents-Fähnrich Grießbeck mit einem Kommando auf den Füllungsplatz marschiert und stellte Wachen aus, um Buhe und Ordnung aufrecht zu halten. Um 10h endlich zog paradierend die sogenannte «silberne« bürgerliche Reilerkompagnie unter dem Kommando ihres Rittmeisters, Weinhändlers Strauß, durch die Stadt zur Siebenlischwiese. - Eine unabsehbare Menschenmenge aus allen Ständen, zu Wagen, zu Pferd und zu Fuß, zog aus der Sladt nach dem Füllungsplatz. Alle Kaufläden und Werkstätten in der Stadt waren geschlossen und verlassen. Alles wollte das merkwürdige Schauspiel mit ansehen. Die Stadttore wurden gesperrt, bis auf die bewußten viere, sämtliche Wachtposten besetzt. — Um II1' erdröhnte vom

'j <iiillmumi, von Seida, Augt-Nir;* hellte, l'.and II, Seile (>'>a ele

200 ««4*

Rothentorwall ein Kanonenschuß als Signal, daß die Füllung des Haiions beginnen sollte. Doch diese wurde durch zwei unglückliche Zufälle verzögert; denn gleich anfangs riß das große Seil, an dem der Ballon aufgehängt war, und bald darauf brach auch der grobe Beif, der den Ballon in der Mitte umgab und an dem das Netz befestigt war. In einer Stunde waren die Schäden wieder hergestellt und die Füllung nahm wieder ihren Fortgang. Allein gegen 3'1 erhob sich ein scharfer Wind von Norden, der den frcihüngenden Ballon erfaßte und die Füllung für diesen Tag unmöglich machte, trotz aller Mühe der anwesenden Physiker, Mechaniker und sonstigen Sachkundigen. Deswegen wurde auch weder der 2. Kanonenschuß als Zeichen der vollendeten Füllung, und noch weniger der 3. Schuß als Signal des Aulstieges gegeben, wiewohl darüber mehrmals blinder Lärm entstand und hiedurch der Tumult und Zulauf des Volkes vergrößert wurde. Da wegen des darauffolgenden Sonntags alle Arbeiten eingestellt bleiben mußten, so begab sich gegen Abend das zahlreich versammelte Volk aller Klassen und Stände, worunter viele Fremde waren, die eine Reise von 20—HO Meilen und noch darüber unternommen hatten, unbefriedigt und unwillig, unter Spott und Apostrophen auf den Luftschiffer, öfters in stärkeren Äußerungen hörbar, jedoch alles in größter Ruhe und Ordnung, was den gutmütigen Charakter des Volkes bezeichnete, nach der Stadt zurück.

Am folgenden Montag, den 28. August, war die Witterung gleich morgens zwar ziemlich windig; trotzdem entschloß sich Lütgendorf, vorzüglich aus Achtung vor den vielen angesehenen Fremden, die sich noch in Augsburg befanden, die Füllung vorzunehmen. Schon war auch ungefähr der 4. Teil des Ballons gefüllt, als nachmittags der Wind immer stärker wurde und sich gegen Abend in einen Sturm verwandelte. — Die folgenden Tage, wo Begen und Wind fast beständig anhielten, wurden dazu verwendet, daß Lütgendorfs Freunde, Herr Arbaur und Herr Fogliese, innerhalb des Amphitheaters einen achteckigen Schirm, wozu mehr als 1000 Ellen Leinentuch erforderlich waren, mit großen Kosten aulführen ließen, um bei der nächsten Füllung nicht wieder durch plötzlich hereinbrechenden Wind unterbrochen zu werden. Am I. September war der Schirm fertig, und alles, was an sämtlichen Apparaten bisher beschädigt worden war, wieder hergestellt. Nun wurde die Füllung an diesem Tage wieder aufgenommen, und weil trotz aller Tätigkeit nicht mehr als ungefähr ein Dritteil des Ballons sich ausdehnte, so wurde am darauffolgenden Dienstag die Arbeit fortgesetzt; auch, um nichts unversucht zu lassen, die Füllungskufen dem Schlauch des Ballons näher gebracht. Allein — ohne Erfolg! Der Ballon dehnte sich zwar etwas mehr aus, gleichwohl offenbarte sich nunmehr ein anderer Umstand, welcher alle bisher aufgewendeten groben Kosten, Arbeit und Stand-haftigkeit vereitelte und der Unternehmung diesen fatalen Ausschlag gab, dem auf der Stelle nicht abzuhelfen war, und der vorderhand alle weiteren Versuche vergeblich machte.1)

'} A. O. 1\ Bi-rithl vom II. Srpteinhrii 178«.

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Trotz der fast täglichen Enttäuschungen wollte ein Teil der neugierigen Menge den Plalz am Amphitheater nicht verlassen und versuchte, sich dort geradezu häuslich niederzulassen, so daß in der Sitzung vom 5. September den beiden Amtshürgernieistern aufgegeben wurde, alle beim Amphitheater aufgeschlagenen Schankhütten, Stände, Huden und Zelte abzuschatten und bei 10 Heichsthaler Strafe zu verbieten, daß von morgens früh an weder etwas daselbst verkauft noch ausgeschenkt werde.') Nun erst zerstreute sich nach und nach die große Menge Fremder, welche mit langen Nasen und unter Verwünsehnug des Luftschiffers und mit leerem Beutel nach Hause zurückkehrten. Alles trat wieder in seine vorige Ordnung und Tätigkeit ein, nachdem 2 Wochen lang wegen dieses Spektakels die arbeitsamen Hände dem Gewerbelleiß entzogen worden waren.

Am 11. September erfuhr man in einem «auf Verlangen, eingerückten Zeitungsbericht die Ursache, warum das Unternehmen ein so klägliches Ende gefunden. 'Die ächte», so heißt es, aus Vitriol«»! und Eisenfeilspäne entwickelte leichte Luft verhält sich zur atmosphärischen, die wir einziehen, wie I :8, oder die brennbare Luft ist achtmal leichter als die atmosphärische. Der von Lütgendorf verfertigte kugelförmige Luftballon hält aber 35 Schuh im Durchmesser, folglich mußte er — mit ächter, brennbarer Luft gefüllt — 1182 Pfund tragen. Da nun am 4. und 5. September kaum ein Vierteil des Ballons gefüllt war, so hätte er eine Hebekraft von 3710/2 Pfund haben sollen. Die eigentliche Schwere des Ballons mit Netz, Reif, Seilwerk, Ventil und Schilfchen beträgt nicht mehr als 218 Pfund: folglich blieben dem Ballon, so wie er noch im Amphitheater am Seil hing, außer seiner eigenen Schwere noch 152's Pfund Hebekraft übrig, wenn er ächte leichte Luft enthalten hätte. Allein er zeigte am Montag und Dienstag keine weitere Hebekraft wie 1:2. d. h. die brennbare Luft, die der Ballon empfangen hatte, war höchstens doppelt so leicht wie die atmosphärische. Hieraus folgt nun unstreitig, worin auch alle Kenner und Sachverständigen einstimmten, daß der Herr Baron v. L. anstatt des ausdrücklich verlangten sächsischen Vilriolöls mit schweizerischem aus Winterthur bedient worden war, das zwar zu andern chymischen Operationen ganz brauchbar sein mag. aber zur Auflösung einer beträchtlichen Ouantität Eisen viel zu schwach ist. In der That nahmen auch einige Arbeiter, die sich beim Aulfüllen Hände und Kleider mit solchem Vitriolöl benetzten, keinen Schaden, was beim sächsischen nicht ohne Brandwunden abgegangen wäre. Auch fand man nachher in den Kufen ganze Schichten von unversehrtem Eisendraht, dessen man sich teilweise bedienen mußte, weil der große Vorrat von Eisenfeilspänen durch die ersten Füllungsversuche größtenteils aufgebraucht worden war. Achtes sächsisches Vitriolöl aber in der Eile herbeizuschaffen, war bei der beträchtlichen Menge, die zur Füllung eines so großen Ballons erforderlich ist, nicht möglich, -i

1 Actum [)ieii,t;<;q flfn ."> Sept. ITSii

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Lütgendorfs Lage war nun höchst kritisch geworden. In angeborener ^ Modestie» beschlob er nun, ohne sich durch die hundertfältigen Urteile, die seine jetzige Position nach dem gewöhnlichen Gange der menschlichen Denkungsart unvermeidlich machte, abschrecken zu lassen, durch deutsche Patrioten unterstützt, sobald die nötige Menge besseren Materials angeschafft wäre, gratis aufzufahren. Bis dahin sollten alle ausgegebenen Billets in ihrem bestimmten Werte bleiben, und jeder dann den Platz einnehmen, den ihm sein Billelt anweise: alle bisher pro und contra eingegangenen Wetten sollten bis dahin unentschieden bleiben, wenn es den Personen, welche solche eingegangen, so beliebe. Der Herr Baron v. L. schmeichle sich, daß wenigstens der billig denkende Teil des Publikums diese Erklärung als einen Beweis ansehen werde, daß es ihm weder an Mut noch an Sündhaftigkeit gefehlt habe, und daß er sich nicht eher zufrieden geben werde, als bis er die gerechten Erwartungen des Publikums erfüllt und zu gleicher Zeit seine eigene Ehre werde gerettet haben.

An den fatalen Tagen des I. und 5. September, wo der Herr Baron das Unangenehme seiner Lage so schwer fühlte, da rettete ihn ein Engel in der Not: sonst wäre er den Zimmerleulen, welche heim Bau dos Amphitheaters mitgewirkt hatten, aber noch nicht bezahlt worden waren, zum Opfer gefallen. Se. Exzellenz, der k. k. Wirkliche Geheimrat und Kammerherr, Graf von Thun,1) nahm den schwer bedrohten Herrn Baron unter seine Fittige; denn seine Excellenz übernahmen freiwillig die Direktion der Zimmerleute, die sie durch viele Beweise großmütiger Freigebigkeit aufmunterten. Auch noch viele andere, noch wichtigere Gefälligkeiten erwies, dem Zeitungsbericht vom 11. September zufolge, Graf v. Thun Lütgendorf, «welche jedoch, um nicht die bekannte Bescheidenheit des Herrn Grafen, der gleich berühmt durch seine erhabenen Eigenschaften des Herzens und Geistes sei, zu beleidigen, unerwähnt bleiben sollen».

Lütgendorf fand es nunmehr für ratsam, sich mit seinem Ballon, dem jetzt die böse Welt den Namen Erdlieb« beilegte, wieder innerhalb der Stadlmauern, in den Gottesacker bei Ski. Stephan zurückzuziehen. Um jedoch beim Herrn Baron nicht den Glauben aufkommen zu lassen, als habe er irgend ein Anrecht darauf, sich auf städtischem Grund und Boden dauernd einzunisten und sich so eine Freistätte gegen seine zahlreichen Gläubiger zu schaffen, so wurde auf Grund des Ratsbeschlusses vom \). Seplembris Herrn Stadtsecretario Langenmantel aufgegeben, sich zu Se. Excellenz, dem Herrn Grafen v. Thun zu verfügen und im Namen des Geheimen Bats die Ausrichtung zu machen, dab man dem Herrn Baron v. L. lediglich zu einstweiliger Verwahrung seines Luftballons und Apparats die Goltesacker-kirche bei St. Stephan verstatte, die er schon früher für seine Zwecke benutzte, ihm aber überlasse, für die Verwahrung derselben selbst Sorge zu tragen. Und da Magistratus in Ansehung der allcnfallsigen Baron v. Lütgcn-

*1 Wr-m h i'incr !.•>!>- um] Klirt'nrwlf auf den ••it/.i,nir«'MiH",n«'n v. I.....Luftballon. Im .lalin- ITwi.

Der redliche Patriot ül»t Lütjendorfs Lultr'.'iso. 17»(j. In („luarl.

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dorfsehen Glanbig«'!" ohnehin keine widerrechtlichen Zudringlichkeiten geschehen lassen werde, so versehe man sich zu Herrn Baron v. Ii., er werde von selbsl auf Befriedigung seiner allenfallsigen hiesigen Greditores den ernstlichen und zeitlichen Bedacht nehmen, da man ansonsten auf deren Anrufen Justiz zu administriren sich nicht entziehen könne.1 i

Das Einspringen des Grafen von Thun zugunsten Lütgendorfs, der sich vor aller Welt als unfähiger Benommist gezeigt hatte, fand in einer in den späteren Septembertagen «auf den sitzengebliebenen von Lütgendorf-schen Luftballon erschienenen Lob- und Ehrenrede laut*' Anerkennung. «Mag immerhin», so schreibt der Verfasser, <der Janhagel in seiner gewöhnlichen Sprache darüber urteilen, läslern und schmähen: der edlere Teil der Nation wird immer noch so viel Nationalliebe besitzen, aus Liebe für die Khre der Deutschen mit vernünftiger Nachsicht darüber zu urteilen, und so lange noch ein Strahl von Ilollhung übrig ist, den stolzen Ausländern durch das Geständnis einer gänzlichen Niederlag«' dieses so verunglückten deutschen Ballons nie den Sieg voreilig einräumen.» — Auf diese Verteidigungsrede hin erkühnte sich eine Stimme aus dem Janhagel« in kurzen, aber energischen Worten sich also vernehmbar zu machen:

• Man spricht so viel vom Nachteil Deutschland Khre

Durch Liit^cndoifens Luftballon,

Als wenn der Ruhm der deutschen Nation

An diesen — Ouark gebunden wäre.>-)

Auch Hans Nord der Zweyte erhob in einem Anekdötgen über Lütgendorfs Luftreise, speziell für die Herren Augsburger verfallt in urwüchsiger Weise seine warnende Stimme, indem er also spricht:

• Au{*shurjM»r ! zieht die Oden ein

l'nrt wickelt schmutz "fien Kiis darein.» ai

Kr gibt den Bürgern den Bat, Lütgendorf die Türe zu weisen.

«Drum liebes Aujjsbinjj. höre mich! •Doch, spiel Dein Stückchen fori — wohlan!

Willst Du in Ost und Westen Dich Der gute, sinnereiche Mann

Nicht zwiefach alhem weisen. Wird den Beschluß bald machen:

Im nu, lieft diesem Sehwabenspiel Kr schleicht wie Gellertens Hans Nord

Kinmal das längst verdiente Ziel! Sich heimlich mit dem Gehle fort;

Lais Lütgemlorf — ahreisen!» I'nd Well und Himmel lachen.»

Doch Lütgendorf beschloß, unbekümmert um die bösen Baischläge, welche Hans Nord seinen Mitbürgern gab, nicht zu wanken und zu weichen, als bis die gerechten Erwartungen des Publikums erfüllt und zu gleicher Zeit seine Ehre gcreltet wären. Ein Gesuch an den Magistrat um Gestattung des Aufenthalts in Augsburg auf ein weiteres Jahr wurde den verordneten Herren Steucrmcistem um Bericht und Gutachten vorgehalten. Die Ge-

Actum. Sinu«tics" d<" :«. Si-|iti»ml>ri« t7h«'». -•) Aui>|i. *.t*IH.iMi..lh*k. SamiH'-lliaitil Luft*. bifTahrl 17sc>. Xr. vi und Sei.

*' lla"1" Xitrd. der Z»-y|.-. hin Amk.Ut-,., ül.cr LiitK«'iid«.rf- Luflroise ftlr die Herrn Augspurgcr von fincin (iuti|i'nkfitdt,n.

»fr» H03 «44«

nehmigung erfolgte dann gegen Ausstellung des üblichen Reverses, d. h. auf Ruf und Widerruf.1)

Lütgendorf halte nun sein Laboratorium nach dem sogenannten «Katzenstadel» verlegt. In der Person des Herzogl. Sächsischen Bergrats von Biedel hatte er einen tatkräftigen Mitarbeiter gefunden, sodaß sieh die Chancen für «Erdlieb» wieder günstiger gestalteten. Aber dessen Schicksal war besiegelt. Denn da er seine Existenz nicht Lütgendorf selbst, sondern dem Rittermeister Strauß verdankte, so suchte ihn dieser in seine Gewalt zu bekommen, indem er ihn mit Beschlag legen wollte. Doch diesem energischen Vorgehen trat ein Hoher Bat vermittelnd entgegen, indem er die Resolution faßte, daß in Sachen des nachgesuchten Arrestes zuvörderst Herr Baron v. L. zu hören und sodann von erster Instanz wegen zu rechten sey.1) Des ersten deutschen Luftschiffers Tage in der Reichsstadt waren gezählt. Am 2. Dezember sah sich ein Hoher Rat veranlaßt, seinem Tun und Treiben durch Erlaß folgenden Aktes ein jähes Ende zu bereiten: Da zu vernehmen gekommen, daß Herr Baron v. L. seine bisher misslungenen Luftversuehe allhier fortsetze und gesinnel sey, nochmals einen öffentlichen Lultlahrtsversuch vorzunehmen, auch in dem sogen. Katzenstadel Anstalten hiezu vorbereite, der Geheime Rath aber solches keineswegs geschehen lassen kann, als wird den Herrn Amtsbürgermeistern aufgegeben, alle kleinen und grossen Luftfahrtsversuche in der Stadt und ausserhalb derselben, allsogleich für itzt und für die Zukunft abzustellen, alle Zubereitungen hiezu zu inhibiren und die Verfügung zu treffen, dass der Platz beim Katzenstadel alsobald wieder geleert werde.1)

Mit schwerem Herzen taten nun Lütgendorf und der Bergrat, was ihnen die Hohe Obrigkeit geheißen. Als nun am LI Dezember 1786 «Erdlieb Luftballon» mit Zubehör auf elendem Wägelein zum Wcrtachbrückerthor zu Augsburg hinaus nach Gersthofen geführt wurde, da soll ein alter Stadt-Guardesoldal, der als Wachtposten den Trauerzug mit Muße betrachten konnte, boshaft gesungen haben:2)

«0 Luftballon, nun war' es Zeit. Dich in die Höh" zu schwingen;

Allein, wirr wird Herzhaft igkeil dem i-iitgendiirf beibringen?

Kr zaget schon, wann er dich sieht, und wann man nur vom Steigen spricht.»

«Wann er zu RechtschalTenheit, als wie zum Flug geboren.

So ist und bleibt in Ewigkeit alt sein Credit verloren:

Dann alles, womit er geprahlt, ist diese Stund' noch nicht bezahlt!'

Gersthofen, eine Stunde unterhalb Augsburg, am linken Ufer des Lech, wurde nun der Schauplatz erneuter aeronautischer Tätigkeit. Dieser Ort wurde wegen der Nähe von Augsburg auserwähll. unter deren Bewohnern noch im Verborgenen die Vorliebe für diesen Sport fortglimmte. «Erdlieb«3)

') Acta: Donnerstags den Ii». Oclnbrii; den 23. Noveinbri«; den 2. Derembrin ITHS.

•) Gedanken eine» unter dem WcrtachbrüVkertbor zu Augsburg warhlstehendeit alten Sladt-Guarde-Soldatens über den unterm 13. Uez. I7*t> tuuh Gersthofen «amrrit deinen Apparat abgeführten Krdlieb Luftballon. 17)*7.

•') Ahs)i-hied*rede de* Krdlieb Luftballon, auf .»einem ihm zu Khren errichteten Schafl'ot in Gerslhoffen, am Tage »einer nochmalig bestimmten, aber mißlungenen Auffahrt. 17x4.

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wurde nun in einer großen Brauerei untergebracht. Man beraubte ihn des klingenden Ventils, des früher mit schönen Blumen behängten Beifes, des grollen mit karmoisinfarbigem Talfel gefütterten, mit goldenen Tressen und Kränzen und goldenem Laubwerk gezierten Schiflleins, an dessen Stelle ein ganz kleines, simples, mit braunem Damast gefüttertes trat. Statt der so prächtig vergoldeten, mit Talfetpolsler belegten Sessel wurde ein hölzerner hingestellt. Die Aufsieht und das Külhmgsgesehüft halte Geheimrat von Biedel übernommen, der schon im Katzenstadel zu Augsburg mit einer eigens dazu verfertigten Maschine am Luftballon herumprobiert hatte. Der Herr Baron selbst trank sich unentwegt für die neubevorstehende Luflreise Courage mit Burgunderwein, der ihm auch im Bauerndörfchen gleich vorzüglich mundete wie in der vornehmen Reichsstadt. Die fortgesetzten aeronautischen Versuche berechtigten zu den schönsten Hoffnungen, und noch vor Sehl tili des Jahres 1780 konnte einem geehrten Publikum von Augsburg und Umgebung bekannt gemacht werden, «lall die Auffahrt des Freiherrn v. L. Mittwoch den 27. Dezember gegen Mitlag, wenn Wind und Wetter es nicht verhindern, ganz sicher in Gersienhofen ohnweit Augsburg vor sich gehen werde, wozu alle Diejenigen, die bei der mißlungenen Auffahrt im Monat August Billells gelöst, frey und höflich eingeladen werden, mit der Versicherung, daß bei der jetzigen Hinrichtung und Vorkehr sowohl der Füllungsmethode und benölhigten Apparate solche Verfügungen gel rollen worden sind, welche einem jeden alle Satisfaktion geben werden

Nachdem man im August durch plötzlich hereinbrechenden Wind so üble Krfahruugen gemacht hatte, errichtete man dieses Mal auf dem freien Platze gleich anfangs acht Pfosten, um an diesen zur Abhaltung des Windes Blachen aulzuziehen. Am 2Ü. Dezember nachmittags 3'1 wurde der Ballon zwischen 2 in der Milte errichteten Baumstämmen an einem Strick in die Höhe gezogen: doch waren diese fast um 10 Schuh zu niedrig, sodaß der Ballon nicht ganz aufgezogen werden konnte. Am 27. begann die Speisung. Um 101' vormittags schien es, als wollte Krdlieb» endlich parieren. Um 12'' sah man von allen Seiten her, besonders von Augsburg, Neugierige herbeikommen, welche sich für ihre im August so leuer bezahlten Billette entschädigen wollten. Auf einer kleinen Anhöhe spielte ein ländliches Musikcorps, und bald herrschte fröhliche Stimmung. Um 2'1 aber gingen leider die Keilspäne aus: alsbald wurden 2 Staffelten nach Augsburg um solche geschickt, welche um 311 glücklich wieder in Gersthofen anlangten. Wegen der rasch hereinbrechenden Nacht mußte das Füllungsgesehüfl eingestellt werden. Drei mit scharf geladenen Klinten und wohlgefüllten Schnapsllaschen ausgerüstete Bauern übernahmen die Nachtwache und patrouillierten um die Blachen herum, hinter denen «Erdlieb sich boshaft versleckt hielt. — Aber, o Jammer, o Schrecken! Während der Nacht riß ein Sturmwind 2 aufgerichtete Pfosten mit Blachen nieder: die tobende Windsbraut bemächtigte sich des armen «Krdlieb , jagte ihn vom Schafott herunter, riß ihm Hals und Ventil ab und versetzte ihm große Löcher, sodaß alle Gase, die man

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ihm tags vorher unter Aufbrauch von mehreren 100 Jl. eingeblasen hatten, wieder entwichen. Der Herr Bergrat wollte sich, als er dieses Unheil sah, zum Überfluß noch im Lech ertränken und konnte nur mit Mühe zurückgehalten werden. Des andern Morgens in aller Früh wurde <Erdlieb» unsanft zusammengepackt, mit dem Tröste, nach geschehener Reparatur auf den 20 Januarius kommenden Jahres einen abermaligen AufTahrtstag in Gerstenhofen anzusetzen.

Am 28. Dezember verkündete der Nachtwächter von Gersthofen seinen Mitbürgern in kräftigen Tönen das Ereignis, indem er sich also vernehmen ließ:

1. «Hört, ihr Männer, labt's euch sagen,

Es hat schon wiedrurn fehlgeschlagen. — recht fehlgeschlagen: Die Luftreise gehet nicht, Obgleich der Bergrath spricht, Sie werde sicher gehen. >

2. «Hört, ihr Herren, seyd hochgepriesen,

Dab ihr dem Ballon verwiesen — die Stadl verwiesen:

Uzt zeigt er seine Schand

Auch au bell auf dem Land,

Bis man ihn weiter jaget.».....«i

Die Auffahrt am 20. Januar unterblieb. Da überhaupt seit 2.S. Dezember alle Notizen über Erdlieb' und seine zwei Leibmedici fehlen, so scheinen sich diese auf die Blamage hin schleunigst aus dem Staube gemacht zu haben, um irgendwo anders ihre aeronautischen Versuche fortzusetzen. — Für Spott brauchten sie nicht zu sorgen.si Mil Anfang des Jahres 1787 trat ein witziger Buchdrucker aus Augsburg mit der Behauptung auf, er habe hart an der Stelle, wo 'Erdlieh» den letzten Atemzug tat, säuberlich verpackt mehrere Schriftstücke gefunden, welche den Titel trugen: Testament, Leichen-eondukt und Grabschrilt des zu Augsburg geborenen und zu Gerstenhofen erblaßten Erdlieb Luftballon, von ihm seihst noch vor seinem Ende zu Papier gebracht und veranstaltet.3) Da mein gnädiger Herr Principal und zugleich erster Leibmedicus Freyherr v. L. >, so heißt es im Vorwort, «mich Erdlieb in meinen gefährlichsten Umständen theils andern Pfuschern und theils allein einem 2., in den unterirdischen Klüften der Bergwerke, nicht aber in der Atmosphäre bewanderten Medico überlassen hat, er selbst aber in den Marquetenterhülten bey den Sieben Tischen und im Gasthol zu Gerstenhofen mit Burgunder und andern stärkenden Säften Courage getrunken, ich, Erdlieb, mithin voraussah, daß durch widrige Zufälle und Verwahrlosung meiner Arzte das Zeitliche werde bald verlassen und den Weg der Vermoderung antreten müssen, so habe ich diese meine letzte Willensmeinung dem geschworenen Herrn Notario Leichtglaub, Edlen von Fürwitz, in Gegenwart von sieben hiezu gebetenen Gezeugen punktweise in die Feder diktirt, daß

') Auusb. St. R. Sammelband Nr. 2.1. Oer Nachtwächter in Gersthofen, den «7. December 17**), *i Vergleiche: Anatoimcruhe des in Gersthofen erhlaliten Erdlich Lultballoti. (Hat die Cciuur pariert» I7k7.

■) Testament. Leichen-Kondukt und Grabsihrifl des zu Augsburg gehohrenen und zu Gersthofen erblaßten Lrdlieli Luftballon, vnri ihm selbst noch \or seinem Linie zu Papier gebracht und veranstaltet: Hr.l aber von einem seiner Krhrn zum riftViitlielien Druck befördert, 17«7.

Illustr. Aeronaut. Milieu. VII. Jahrg. 31

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er selbiges in die ordentliche Porin eines zierliehen Testamentes bringen und ein Inslrumenlum darüber verfertigen solle.» Der wichtigste Punkt der geheimnisvollen Urkunde ist wohl der, worin Erdlieb seine Geduld allen seinen gutherzigen Creditores vermacht, die da so leichtsinnig geglaubt haben, daß er gewiß aufsteigen werde, daß sie große Wetten gewinnen würden, und daß alles bezahlt werde. Auf besonderen Wunsch Erdliebs soll seine «Grabstatt* verschwiegen bleiben, um nicht wieder ausgegraben zu werden.

Ubersehaul man kritisch die ganze Episode, so kommt man zum Schlüsse, daß der unternehmende Freiherr entweder ein Renommist war, der die Schwierigkeit seines Unternehmens unterschätzte, oder ein Abenteurer, der seinen leichtgläubigen und naiven Mitbürgern die Taschen erleichterte. Kühne, groß angelegte Abenteuersucht lag in der Luft; es war das Zeitaller eines Cagliostro, mit dem der erste deutsche Luftschiffer viele Züge gemein hatte.1)

cm

Cine wissenschaftliche Ballonfahrt von Gottingen aus.

Von Dr. F. Linke.

Im Götlinger geophysikalischen Institute" werden seil zwei Jahren mit Unterstützung der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen Untersuchungen über die luftclektrischen Erscheinungen ausgeführt. Wie an anderen Orten, so stellte sich auch hier bald die Notwendigkeit heraus, die Beobachtungen an der Erdoberfläche durch solche in höheren Luftschichten zu ergänzen, die dem unmittelbaren Einflüsse der Erde entrückt sind. So wurden denn Ballonfahrten in Aussicht genommen. Der erste Aufstieg zu einer Nachtfahrt fand am 1. Juli abends 7 Uhr mit dem Ballon «Sigsfeld» des Berliner Vereins für Luftschiffahrt statt. Es beteiligten sich Professor Dr. Wiechert und Dr. Gerdien. Die aeronautische Führung war mir übertragen.

Um eine möglichst lange Klugdaner zu erreichen, wurde dekarburiertes Leuchtgas angewandt. Die Dekarburalion entsprach freilich nicht ganz den Erwartungen; denn es konnten außer den drei Insassen und etwa ">0 kg Instrumenten nur IG'/* Sack Ballast zu 15 kg mitgenommen werden. Dennoch gelang es. die Fahrt über 14'/» Stunden bis zum Morgen des 2. Juli iC/i Uhr auszudehnen und 2600 m Höhe zu erreichen. Es wäre wohl noch möglich gewesen, einige weitere Stunden in der Höhe zu bleiben, aber da eine sehr stabile Schichtung der Luft ein Vordringen zu größeren Höhen verhinderte, wurde der Abstieg beschlossen. Die Landung erfolgte auf einer etwa 30 m breiten Waldwiese bei Weiperfelden zwischen Gießen und Frankfurt a. Main.

Uber die wissenschaftlichen Beobachtungen wird an anderer Stelle Bericht erstattet werden; hier mögen einige Bemerkungen über die aeronautische Seite mitgeteilt weiden.

Die Hallonführung am Abend und in der Nacht war insofern eine interessante Aufgabe, als die leichteste Methode, die Schleppfahrt, wegen der bis 100 rn unter dem Korbe hängenden Apparate nicht angewandt werden durfte. Besondere Schwierigkeiten bot überdies das gebirgige Gelände in Thüringen und Hessen. Auf der Luvseile eines jeden Berges wurde der Ballon in die Höhe getrieben, wodurch Gas verloren ging; das Herabstürzen auf der Leeseite zwang dann zum Ballastgehen. Ebenso bewirkte die durch Abkühlung entstehende Kontraktion des Gases und der damit verbundene Verlust an Auftrieb große Baiastopfer.

') Herrn l'riana Lnftreise. Parodie naeli Claudius. M. S. in Oklav.

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So konnte, nicht verhindert werden, daß der Ration 1-100 m stieg, während der Abkühlung wegen nur 71)0 m nötig gewesen wären, um ihn prall zu erhalten.

Als die Abkühlung beendet und der Ballon dem Lintluß des Geländes entzogen war, wurde nach der Metbode der «Berg- und Talfahrt» geführt. Der Ballon fiel langsam bis auf öOO in herab, wurde durch wenige Kilogramm Ballast abgefangen und stieg dann schnell bis zur größten Höhe, worauf das Spiel von neuem begann. Das langsame Fallen und schnelle Steigen, welches nachts stets beobachtet wird lim Gegensatz zu Tagfahrleni, erklärt sich dadurch, daß der Ballon sieh nachts durch Ausstrahlung unter die Temperatur der umgebenden Luft abkühlt, wie besonders durch v. Sigsfeld gezeigt ist. Bewegt er sich nun relativ zur Luft, so bewirkt die hierdurch hervorgerufene Aspiration eine Erwärmung des Gases und damit einen Gewinn an Auftrieb, der das Fallen verlangsamt und das Steigen beschleunigt.

Mehr als sechs Stunden führten wir diese « Berg- und Talfahrt • aus und gebrauchten nur drei Sack Ballast, während die drei Abendstunden deren acht gekostet haben.

Von i Ihr früh ab bewirkte die Sonne das übliche sanfte und stetige Steigen.

Es möge hier eine I berlegung Platz linden, die jedenfalls nicht neu ist, aber mangels eines Lehrbuches der Ballonführung von jedem Anfänger selbständig gefunden werden muß:')

Man sagt stets, ein Ballon mit Wasserstofffüllung « reagiere weniger auf Temperatur» als einer mit Leuchtgas, weil das Gewicht des Gases nur um einen bestimmten Bruchteil des Gesamtgewichts verändert wird und das letztere bei Wassersloffgas geringer ist. Das gilt jedoch nur für Ballons mit konstanten Volumen, also nur für steigende pralle Ballons. Für schlaffe Ballons iniit konstanter Gasmenge i bleibt bei Tcmpcratuiänderungen des Ballongases das Gewicht der Gasmenge unverändert. Nur sein Volumen und damit die Menge der verdrängten Luft variiert, und die ist ganz unabhängig von der Qualität des Gases. K.in Ballon, dessen Gas sich abkühlt und daher zusammenzieht, ist aber als schlaffer Ballon anzusehen. Bei Nachtfahrten wird also die Unannehmlichkeit der Abkühlung des Gases nicht dadurch verändert werden können, daß leichteres Gas genommen wird.

'! Ol«- folgende I Verlegung ist eingeh«'nd behandelt in «Theoretische Grundlagen der Rallonruhrung • von Dr. II. Km de n. Diese Zeitschrift, tltoi. Seite TT. Siehe speziell Sr-iie 88: •Immer aber möge sieh der Führer vor Alicen hallen. duU Strahlung «Vermehrung und Struhlungsvcrniindorung tu giin/lieh verschiedenen Problemen fuhren. Temperaturerhöhung und Temperaturerniedrigunj.' den F'iillgascs gehen nicht mit entgegengesetzten Vorzeichen in die Gleichungen ein, sondern halten ganzlich verschiedene Koii>ei|neii*<»n. Die Temperaturerhöhung de* prallen Million« kommt in Gleichung 18 zum Ausdruck. Der WasserslolThalloii ist gegen dieselben zehnmal unempfindlicher nln der Leuehtga-hallon. Jede Temporoturernicdrignng uher verwandelt den prallen Ballon in einen «hlufTen llullon, welcher der Gleichung 25 gehorcht, in welcher ein Unterschied der Oasarten nicht zur Geltung kommt.« tt. K.

'M KS 4}«)««

Bemerkt mag zum Schluß noch werden, daß von Professor Wiediert zur Fr-leichleriui}»' der Ballonführung ein vertikal gestelltes, sehr empfindliches Anemometer mitgenommen wurde, welches jederzeit die relative Bewegung des Ballons gegen die Luft mit einem Blick zu erkennen erlaubte. Her Apparat hing etwa 2 m vom Korbe an den Amdaufleinen. in ähnlicher Weise, wie es mit dem Aspirations-Psychrometer zu geschehen pllegl. Die Bewegung der weiben Flügel war selbst in tiefster Xacht mit Leichtigkeit zu erkennen. Dieses Vcrtikalaneinonieter hat gegen die Methode, Papiei-schtiitzel auszustreuen, unverkennbare Vorzüge und wird sich gewiß schnell einbürgern.

Güttingen. Geophysikalisches Institut, den 17. Juli l'.Kl.H.

Internationale aeronautische Kommission für wissenschaftliche £uftschiffahrt.

Vorläufiger Berieht Uber die internalionule Ballonfahrt vom 5. Februar 190CJ,

An den Aufstiegen beteiligten sieh die Institute: Trappes. Itteville, Ghalais-Meudon. Strabburg. Fi iedrirhshafen, Berlin A. (I., Berlin L. B.. Wien, Pawlowsk und Blue Hill {Amerika). Iber die Auffahrten hegen folgende vorläufige Resultate vor:

Trappes. Begistrierballon um 8h a. Teinp. unten: {-5.4", Inversion -4-1.8° in 1K."><> m. Größte Höhe: 15700 in. Temp. min. --ÖÜ.S" in lOtMO m. Landung in 55 km K 30 S.

Itteville. Registrierballon um 5h 2s a. Temp. unten: f-5". Inversion ~ 0.6* in 1880 m. Giöbte Hohe: 15020 m. Temp. min. —Gl.2" in 11050 in. Landung in 80 km K 15 S.

Clialais-Memlon fehlt.

KtroUbunr. 1. Guminiballonlandein um 7h 20 a. in. Temp. unten: 0°. Erste Inversion - 2,1" in 300 in. Zweite Inversion -li.i0 in l iOO m. Grüßte Höhe: 1250t) m: dort Temp. min. tio.u". Landung in 43 km \V Sil S.

2. Gummihallontandetn um 7h 35 a. in. Temp. unten: 0°. Inversion -4-5.5° in 1350 in. Größte Höhe: 12 BN) m : dort Temp. min. — «2,0». Landung in HO km W M5 S.

Friedrichsliafeii. Drarhenaufstiege mit Dampfer. I. I'm 0'»— l(>h IS a Temp. unten: —1.1". Grübte Höhe: 1500 in; dort Inversion -4-5.5".

2. Im I'1 -8h SO p. Temp. unten: -4-0.4°: in 1500 m Inversion -f 5.2°. Grüßte Höbe: 2740 m mit Temp. nun. —0.5.".

Berlin A. 0. Draehenaufstiege am I. und 5. Februar. 1. Am 4. Februar um 4" 30- G« 30 p. Temp. unten: -f-G.ü". Grüble Hobe 1880 in: doli Temp. min. — 3,t»u.

2. lin 8hHO~|0hS0p. Temp. unten: 4-0.4°. Giöbte Höhe: 1185 in; dort Temp. min. — 1.2*.

8. Am 5. Februar, um 12''.HO — H» a. Temp. unten: -f (»". Größte Höhe: 1185 m; dort Temp. nun. ~ 0.4".

4. Im 8h 80 -5h HO a. Temp. unten: -fö.l*. Größte Höhe: !Ri5 m. Temp. min. -j- 1".

ö. Fm 11ha—lih.HO p. Temp. unten: — GJ. Größte Höhe: 1810 m ■ -1.7*. Temp. mm. — 1.2 in 1730 in Hobe.

b. Guinmiballol) um Ii'188 a. Größte Höbe: ra. 11 000 m. Nur die Höhe wurde registriert. Landung in 77 km S 58 K.

Berlin L. B. Bemannter Ballon. Führer: Leutnant Pfuhle, Beobachter: Hauptmann Sperling und Dr. Kosehel. Abfahrt 8 h 2.ri a. Temp. unten: -f- 4,<5°. Größte Höhe: 720 m, dort tiefste Temp. • 0.8''. Landung in 2'.'0 km F.. Dauer 5 Stunden.

Wien. 1. Registrierballon um 7h IS a. Temp. unten; -4-5.2'. Größte Höhe: 9100 m ; dort Temp min. — 51.5". Landung in 2b"> km SSW.

2. Bemannter Ballon. Führer: Hauptmann v. Schi impf, Beobachter: 0. Szlavik. Abfahrt um 8h a, Temp. unten: -j-5.2". in 1000 m — 0,hu. m 2000 m - 0.8°. in 3000 in

»fr» 309 ««««

— 2°. Größte Hohe: 3000 m; dort Temp. min. —10.6». Landung in 81 km SSF.. Geschwindigkeit 9 in p. s.

Pawlowsk (Petersburg). Drachenaufstieße am 4., 5. und (>. Februar.

1. Arn 4., von I2h—th p. Temp. unten: —LiV1. Inversion in 500—510 m von

- 7,9° auf — 5,i>°. lüCM> m mit — 11.8*. Größte Höhe: 3040 m mit — 2-t.n".

2. Nacht vom 1,5. von llh3(i p. - 1" a. Temp. unten: — l.H. Inversion in 310 — 550 in von — ti~° auf — 3,4*. Größte Höhe: 1550 m mit Temp. min. —11°.

3. Februar von 1(1'« a. — 10h 37 a. Temp. unten: -f 0.2°. Größte Höhe: 280 m mit —1.3«.

4. Von 2'« 10 — 5h 35 p. Temp. unten: -f 1,2°. Größte Höhe: 8ÖO ni mit —2,3». Temp. min.: —3,1° in 770 in; von dort an Inversion.

Blne Hill. (Mass. II. S. A.) Drachenaufstiege am 5. Februar von 9» a.— 4h 15 p. Temp. unten: am Anfang (unterste Hasisstation 18 mi -t-O;"'*'. .im Fnde —1.9*. Adiabat. Abnahme bis 1300 m (Temp. — 13.0"). Von da bis zur größten Höhe 1883 m isotherme Schicht. (Temp. — 13,0") mit kleinen Inversionen. Wolken )Cu, Ou—N) Hasis in 1350 m.

Nachtrag?. Am 9. Januar stieg auch in Korn ein bemannter Ballon auf. Führer: die Herren Malinghcr und f'.ianelli. Beobachter: Dr. Pochettino. Abfahrt 10» 17 a. Temp. unten: -f 9.fi*. Größte Höhe: 1593 m -f 7.K0. Temp. min. -j- f>.r>° in 1050 in. Landung in 100 km N. Dauer 2» 51 min.

Situation am Aufstiegst*!?. Die V-förmige Depression, die am Anfang der Woche Mitteleuropa beherrscht hat, liegt jetzt über dem östlichen Rußland: von Westen her ist ein Hochdruckgebiet vorgedrungen, das sich mit 775 mm von Spanien über Frankreich. Deutschland bis Fngarn erstreckt. Die an den Vortagen über dem Miltelmeer bestehende Depression ist abgedacht. Line Zyklone mit 740 mm zieht im Laufe des Tages über Nordskandinavien weg; eine andere Depression nähert sich von Westen her gegen Abend den britischen Inseln. Eine weitere Depression über den Azoren *7»>0 mm' scheint sich N E-wärts zu bewegen.

Mitteilung von der Zugspitze. (2901 in) Temp.: «>>a=—8.7«: 8»> a — 8.»."'; Temp. max. — 7*. Wind N W 4. dreht um 1»'» a nach N E 2 — 3 und 7n p. nach E 5. Wolkenlos.

In Amerika fanden die Aufstiege von Blue Hill im S W-Gebiet einer intensiven Depression statt, deren Zentrum ("31i über Neuschotlland lag. Es webten daher heftige W N W-Winde. mit über 20 m/s, der größten dort je bei Drachenversuchen beobachteten Windstärke.

Vorläufiger Bericht Uber die internationale Ballonfahrt vom 5. MUrz 190$.

An den Aufstiegen beteiligten sich die Institute ; Trappe». Straßburg, Fricdrichs-

hafen, Berlin A. ().. Berlin L. B., Wien, Milit.-aeron. Anstalt. Pawlowsk und Blue Hill

(Mass. II. S. A.'i.

Iber die Auffahrten liegen folgende vorläufige Resultate vor:

Trappe*. Registrierballon 8'' a. Temp. unten: f 9.6*. Inversion von 0.2° in

750 m. Größte Höhe: 157MO m. Temp. min. in 10000 in —49,8°. Landung in 140 kin

E. 14 m/s.

Straßbarg. I.Registrierballon vom 5. März ßh42a. Temp. unten: -}- CS,H#. Größte Höhe: 15600 m. Temp. min. —59,1» in 15600 m. In 10300 m Temp. — —54°, in 12200 m Temp. = —51.5°. Landung in 109 km E 24 X. 1H m/s.

2. Registrierballon vom 0. März 6*146 a. Temp. unten: 10.3°. Grüßte Höhe: 15400 in. Temp. min. — 62.1« in 15330 m. In 10200 m Temp. ^ — 51,2°; in 11300m Temp. — 48.2°. Landung in ti8 km S 70 E.

Frieilriehshafeu ; Bodensee). 1. Registrierballon ~h 30 a.; noch nicht gefunden.

2. Drachenversuche von Graf Zeppelin und Professor Hergesell vom 4.-6. März.

4. März P'50 p. — 6h 33 p. Temp. unten: 5,2°; in 2148 in —10.2°.

310 €«M«

ft. März bei sehr sehwachem, für Landdrachen ungenügendem Fnlerwind: ai 9«>34 a. — 1«>48 |». Temp. unten: 4.2°; in 2063 in — 1,1°. 10 2«'—öh p. Keine Registrierung. Höhe nach Kabel und Winkel ca.

6. März a) 8hiKa._ 12«'07 p. Temp. unten: 5.7*; in 1990 m —4,9*.

b) i«i 20 p. — ö««20 p. Tenip. unten: 4.6°; in 1385 in —2,7».

Berlin A. 0. 1. Registrierballon 6'1 38 a. in. Temp. unten: 4.4*. Größte Höhe: 13300 m. Temp. min. — 57,U» in 10400 m. In 12000 m Temp. = —51,0*. Landung in 132 km S 69 F.. 19 m/s.

2. Bemannter Ballon 7h 55 a. Führer und Beobachter: Hildebrandl und Elias. Temp. unten: 0.6°. Größte Höhe: 4867 in mit Temp. min. — 17,9«. I-andung in 159 km. E 7 K. Ilm s.

3. Dracbenaufsliege vom 4. und 5. März.

4. März a) 6>> — Hb ,,. Temp. unten: 4-5.4«; in 855 m 4-0.9«.

b; 10«' — 11«'30 p. Temp. unten: —4,4'; in 1415 m —2.7».

5. März a) 12»> 30 — 1" 30 a. Temp. unten: 4-3.4: in 1350 m —0,8«.

bi 2«> —4«'30 a. Temp. unten: 4-3,0°; in 1665 in —1.9».

c) l()h — 11h,Ho a. Temp. unten: --«»,7°; in 2655 in —3.1».

Berlin L. B. Bemannter Ballon. Beobachter: v. Kleist. Größte Höhe: 1500 m mit Temp. min. —0.K«. Temp. unten: 4-^.4«. Landung in 230 km NE.

Wien, Militär-aeron. Anstalt. 1. Registrierballon: bisher nicht gefunden.

2. Bemannter Ballon mit Oberleutnant E. Ouoika und 0. Jobannson. Temp. unten: 4-3,7*. Größte Höhe: 8700 m mit Temp. min. —10,2». Landung in 70 km SSE.

Pawlowsk. Dracbenaufsliege vom 4.—7. März.

4. März 8»» 44 — ll'> 54 a. Temp. unten: —2.5«; in 1000 in —0,7°. Temp. min.

- 3,2» in 200 in.

5. März a,< 9«« 20—11° 10 a. Temp. unten: 4-0,6«; in 870 m — 1.0°. Temp. min.

— 2,1« in 550 m.

Iii 10«' 18a.— 12h 41 p. Temp. unten: 4-1,0«; in 890 m —1,0°; Temp. min. in 680 m --2,6».

6. März 1«> 39 p. — 2h 31 p. Temp. unten: 4-2,1°; in 650 m —0.6".

8«i 14 a. — 12«» 52 p. Temp. unten: 4-1.5«: in 3080 m — 14,6". Temp. min. in 2920 (2770) — 15,9«.

Bluc Hill. Drachenaufsli'g am 6. März. Temp. unten: (18 m)-f 3.7«; in 560 m — l,ön.

Mitteilung der Zugspitze. 7«'a.: —10°; 4»'p.: — 5T7«; 2«'p.: rel. F. 18! Wind NW. Gi, Gi—S. Gi—Gu.

Wetterlage. Eine umfangreiche Depression, die am Vortage nördlich von Schottland erschienen ist, breitet sich westlich von Skandinavien aus (740 min). Eine Teildepression bildet sich über England und durchzieht am 6. März Deutschland. Von Südwesten, Frankreich und Spanien schiebt sich höherer Druck vor (765—770 mm). Ebenso liegt über dein östlichen Rußland eine Antizyklone (780, am 6. März 785 mm). Ein am Vortag bestehendes sekundäres Minimum über Italien füllt sich rasch aus.

Aeronautische Photographie, Hilfswissenschaften

und Instrumente.

Entwickeln ohne Dunkelkammer mit Coxin.

Während für den Berufsphotographen die Dunkelkammer heute noch das Haupt -laboratorium bildet und wobl auch in Zukunft bilden wird, ist die Notwendigkeit der-

»»» 3 1 1 €«««

selben für den Gelcgenheitsphotographen gewöhnlich eine recht große Beschwerde; den letzleren von dieser unabhängig zu machen, ist auch schon seit Jahren das Bestreben zahlreicher Fabrikanten und Erlinder.

Der Berufspholograph benutzt die Dunkelkammer zum Einlegen der Platten, Hervorrufen der Negative und teilweise zum Herstellen der Positive; der Gelegenheitsphotograph benötigt sie nur mehr zum Entwickeln, da einerseits Films, Wechselsäcke u. dergl. das Einlegen bei Tageslicht ermöglichen, andererseits eine genügende Anzahl von Positivverfahren besteht, die ebenfalls ohne Dunkelkammer ausgeführt werden können. Nur das Entwickeln mußte auch er noch bis vor kurzem in der Dunkelkammer vornehmen; denn Apparate wie Hardy's transportable Entwicklungskammer (vergl. diese Zeitschrift t.NH) Nr. -t) oder der jüngst auf dem Markt erschienene Tageslicht-Entwicklungsapparal der Firma Kindermann & Co. in Berlin oder die neuen Films-Enlwicklungsmauchinen sind nichts anderes als Dunkelkammern, in denen nach wie vor sich alle Prozesse des Negativverfahrens abspielen und die sich von der Dunkelkammer des Berufsphotographen nur dadurch unterscheiden, daß der Arbeiter sich nicht in ihr befindet, weshalb sie kleiner und transportabel gemacht werden können, dafür aber das photographische Arbeiten erschweren.

Nunmehr ist man aber auch für das Entwickeln von der Dunkelkammer unabhängig geworden, d. h. man kann sie auch zum Entwickeln entbehren, und zwar bei Anwendung eines Verfahrens, das Ende vorigen Jahres von Herrn Johann Ludwig in Mainz ersonnen wurde und bereits in der Praxis guten Eingang gefunden hat. Dasselbe sei im folgenden näher beschrieben:

Man bringt in einem normal erhellten Zimmer die exponierte Platte vor dem Entwickeln in ein Vorbad, bestehend aus einer roten. Coxin genannten Flüssigkeit, die man in eine eigene Schale bis zu 2 cm Höhe eingegossen hat. Dieses Verbringen muß selbstverständlich unter vollständigem Lichtabschluß geschehen, was man aber sehr einfach mittelst eines lichtdichten, reichlich großen Tuchs mit eingenähten Ärmeln bewerkstelligen kann, das man über Kassette und Vorbad ausbreitet. In diesem Vorbad bleibt die Platte :l Minuten lang ruhig liegen, worauf sie gegen das Licht so weil unempfindlich geworden ist, daß man sie aus dem Vorbad herausnehmen und unmittelbar in den bereitgestellten Entwickler ohne Anspülung verbringen kann. Dies muß allerdings möglichst rasch geschehen und man tut hierbei auch gut, die Platte vor direkt auffallendem Licht zu schützen — indem man sie z. B. mit dem Körper beschattet —, wie es überhaupt, besonders bei farbenempfindlichen Platten, ratsam ist, die ganze Entwicklung bei nicht zu intensiver Helligkeit (also im Halbdunkel) vorzunehmen. Jeder Entwickler mit Ausnahme von Eisenenlwicklern ist bei dieser F.ntwicklungsart anwendbar.

Während des jetzt folgenden Hervorrufens des Negativs darf die Platte nicht aus dem Entwickler herausgenommen werden, man muß also «in der Draufsicht» entwickeln; dies ist übrigens kein Nachteil und nach geringer L'bung erkennt man, daß das Entwickeln in der Draufsicht hei reichlichem Licht nicht schwerer ist als das Entwickeln in der Durchsicht bei der spärlichen Helligkeit der Dunkelkammer. Wünscht man übrigens trotzdem das Reifen des Negativs auch in der Durchsicht zu verfolgen (was bei BaHönau fnaInnen aus großer Entfernung wegen der Kleinheit der Details oft angenehm ist), so kann dies leicht geschehen durch Anwendung einer Enlwicklerschale mit Glasboden, auf dem sich aber mindestens 1 cm hohe Stege befinden müssen, damit auch unter die Platte der coxinhaltigc Entwickler reichlich fließen kann; noch sicherer ist Anwendung eines roten Glasbodens. Wenn man dann eine solche Schale über einen hellen Untergrund, z. B. ein weißes Tuch hall, ist genügend Licht auch für die Durchsicht vorhanden. Verstärken und Abschwächen des Entwicklers während des Hervorrufens geschieht wie sonst.

Ist das Entwickeln beendet, so bringt man die Platte unter den gleichen Vorsichtsmaßregeln in eine Schale mit Wasser, spült sie durch Hin- und Herschwenken ab und legt sie dann auf die gleiche Weise in das Fixierbad gewöhnlicher Zusammensetzung.

Nach vollendeter Fixierung wird die Platte so lange gewässert, bis deren rotliche Färbung Terschwunden ist; dann ist auch alles Natron ausgewaschen.

Das Coxin-Vorbad kann zu beliebig häuliger Wiederbenutzung in die Yorratsllaschc durch einen Trichter mit Filter zurückgegossen werden.

Dies der Vorgang beim Entwickeln ohne Dunkelkammer; man siebt, daß derselbe einfach ist und nur geringer Vorsicht und Übung bedarf. Die Wirkung des Coxins kann man sich so vorstellen, als ob es die lichtempfindlichen Moleküle der Platte einhüllen würde, ohne dabei die Einwirkung von Entwickler und Fixierbad zu behindern.

Die Erfolge des Ooxins haben begreiflicherweise Veranlassung gegeben, nacb anderen Chemikalien Umschau zu halten, welche die gleiche Wirkung wie dieses patenlaiiitlich geschützte Verfahren besitzen könnten. Diese Bemühungen waren, wie es scheint, nicht fruchtlos: denn Buer und ßierhaalder in Raarn (Holland) sollen festgestellt haben, daß man mit jedem alkalischen Entwickler bei Tageslicht entwickeln kann, wenn man demselben einige Tropfen alkoholischer Plilhalcinlösung zusetzt; ferner bringt seit kurzer Zeit die Firma Baumann in München einen • Weißlicht-Entwickler» in den Handel, mit dem man ohne weiten bei Tageslicht soll entwickeln können. Ergebnisse der Praxis sind jedoch noch abzuwarten. K. v. B.

Ballon-Photographie.

Vorbedingung für alle weiteren Verwendungen von Ballonaufnahmen bleibt die Erzielung äußerst scharfer Bilder in möglichst knapp bemessener F.xpositionszeit wegen

der meist raschen Bewegung des Ballons, also das Arbeilen mit äußerst scharf zeichnenden Objektiven und mit Momenlverschlüssen, deren Belichtungsdauer sich nach Tausendstel-Sekunden bemißt.

Wie weit man es hierin, bei Auwendung einfacher, nicht Tele-ftbjektive, gebracht hat, mag durch zwei Bilder hier vorgeführt werden, wobei daran zu erinnern ist, daß die Umsetzung derselben für B» bdrui k Anteil Klischieren mittels des zerteilenden Rasten

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die Schärfe ganz bedeutend beeinträchtigt im Vergleich zur direkten Kopie mittels Lichtdruck. Die Aufnahmen wurden während einer Fahrt am 24 März 1. Js., nachmittags

3 Uhr, gemacht11 und stellen Burghausen a. d. Salzbach dar. Bild I aus UM in Entfernung zeigt die Stadt nahezu in ganzer Breitenerstreckung S.-.Y, Bild II aus :«HX) in Entfernung den mittleren und nördlichen Teil. Die Beleuchtung war BO günstig, dal» mit einer Belichtungsdauer von 0,007 Sekunden gearbeitet werden konnte. K. N.

Lnftschiffbauten und Luftschiffversuche.

Verbessertes lenkbares Luftschiff von Albert de Dion.

Fig. 1.

Der Luftschiffer Albert de Dion beschreibt in «La Locomotive Automobila* seine neue Erfindung und macht für dieselbe folgende Patentansprüche geltend:

Ein lenkbarer Ballon, gekennzeichnet durch eine in der vertikalen L'ingensymmetrie-ebene des spindelförmigen (Fig. l> Ballonkörpers liegende durchlochte S< heidewand a. (Fig. 2a) verstärkt längs der oberen Kante durch Winkelschiem-n bb und hergestellt aus leichtem, aber festem Material. An dieser einen Längskiel bildenden Scheidewand sind alle nach unten gelegenen Organe befestigt. Alle Aufhängungen belinden sich in

"') Durch Freihrrrn v. Ita-«ii«. Illu-Ir. Ai:ronaut. Mitt.il. VII. Jahre.

*»& Hl4 «84«-*

der vertikalen Symmetrieebene, bieten so den geringsten Luftwiderstand nach der Längsrichtung und wirken nicht formündernd auf den Ballon ein. Die Flanken cc der Hülle sind oben längs der Winkelschienen und unten längs der Kante der Scheidewand angenäht. Bei teilweisem Gasverlust bleibt das Gleichgewicht erhalten, indem die Flanken sich nach der punktierten Linie in Fig. 2 umformen.

ItfJ. Fi$.2. *

Qyersahniit in den Endstücken. Letzte Type des Luftschiffes Dion.

In einem Zusatzpatent wird dem Ballon in seinem mittleren Teil ein Querschnitt mit Doppelspitzen ee' gegeben (Fig. 2a u. H), um 1. die Motororgane mit einem mehr Baum bietenden Rahmen zu verbinden, welcher selbst symmetrisch zu der Sym-inetrieehene des Ballons herabhängt dd' u. ff, und 2. die Schwingungsbewegungen der Gondel um den zuerst vorgesehenen einfachen Kiel zu verbinden.

Die Beschreibung enthält ferner interessante- Lbertragungsanordntingen, besonders bezüglich des Antriebs der Steuerschraube.

Figur I ist eine Seitenansicht des ganzen Luftschiffes.

Die Hauptteile des lenkbaren Luftschiffs sind der eigentliche Ballon, der Kiel und die Gondel.

a ist der spindelförmige Ballon. Der durch eine horizontale Bohre b gebildete Kiel ist mit der vertikalen Scheidewand durch die Stützen cc verbunden, welche alle

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in deren Ebene, also in einer vertikalen Ebene liegen. Der Kiel trägt die Schrauben und Lenkorgane und liegt dem Ballon möglichst nahe, sodaß die Antriebslinie sich ebenfalls so nahe wie möglich dem Widerslandszentrum beim Vorrücken befindet. Die Gondel d, welche an diesem Kiel durch geeignete Mittel befestigt ist, liegt vollständig in der vertikalen Symmetrieebene des Luftschiffs und enthält den Benzinmotor mit Zubehör, den Ballast und die Lenkvorrichtung. Sie ist möglichst niedrig angeordnet, um eine große Stabilität zu sichern. Der Molor ist vom Ballon weit entfernt, wodurch die Explosionsgefahr verringert wird; e ist der Motor ^ ^

mit Riemenübertragung f auf die Antriebsscheibe g; diese ist fest verbunden mit den Übersetzungen eines gewöhnlichen Differentialgetriebes, welches auf der Transmissionswelle h angeordnet ist. Die verschiedenen Teile dieser Welle, welche die Schriiuben antreiben, ruhen auf Relaislagern und sind unter sich durch Gardanische Gelenke verbunden, in und n sind die Schrauben, wovon in zum Bewegen, n zugleich zum Lenken des Luftschiffs dient. Durch Benutzung zweier Schrauben wird der Rückstoß auf ein Minimum verringert und die Motorkraft am besten ausgenutzt Die Schrauben erhalten ihre Bewegung von der Welle so. daß sie sich in umgekehrter Bichtung zu einander drehen. Bekanntlich wird durch diese Anordnung die Tendenz des Kiels, sich um sich selbst zu drehen, unterdrückt; sie beseitigt ferner die unsymmetrischen Kräftewirkungen auf die Stützen und gestattet die Abschaffung der langen Seile. Es findet daher eine Gewichtsverminderung und eine Verringerung des Widerstandes beim Vorwärtsbewegen statt. Figur ö zeigt die Art des Antriebs der Steuerschraube.

Dieselbe ist auf einer Nabe o montiert, welche durch eine innen gezahnte Scheibe p in Bewegung gesetzt wird; ein kleines Getriebe q ist mit dem äußeren Teil der Transmissionswelle h durch ein cardanisches Gelenk verbunden. Das Ganze ist auf einem Stück r montiert, welches eine Vertikalachse bildet, die sich in den Vorsprüngen s einer Hülse t dreht, welche am Ende des Kiels b befestigt ist. Das Stück r trägt oben einen mit einem Locli versehenen Ansatz u, in welchen eine von der Gondel aus bewegte Lenkstange eingreift. Man kann dadurch dem Ganzen, welches ein richtiges Steuerruder bildet, verschiedene Neigungen geben. Die Lenkung nach der Seite ist so gesichert. Die Höhenlenkung erfolgt mittelst der geneigten Ebenen v (Fig. I), welche sich nach Bedarf um die Träger x der Relaislager drehen und ebenfalls von der Gondel aus durch eine geeignete Antriebsvorrichtung bewegt werden. F. v. S.

Le dtrigeable Robert et Pillet.

(Corif. S. öo und 191. 03.)

Der ganze mechanische Teil dieses «Lenkbaren» ist fertig gestellt in dem Hangar, welchen die Erfinder in Vincennes besitzen, doch ist noch von M. Ed. Surcouf, dem kundigen Krbauer des «Lebaudy». der aärostatische Teil zu liefern. — Der eigentliche Ballon wird 2000 cbin fassen, einen größten Durchmesser von y m und schwaches Verlängerungs-Verhältnis, -{-fach, erhalten. Die Hülle wird aus doppeltem Kautschukstoff der •Cumpagnie continenlale Hamburg» hergestellt sein und ein Lufl-Ballonnet enthalten. Zur kreuzweise geordneten Aufhängung nach dem Prinzip Dupuy de Lome weiden besonders feste und schmiegsame Slahlkahel verwendet. Surcouf war auch mit besonderer Sorgfalt darauf bedacht, eine vollständig feste verlässige Verbindung zwischen Gondel

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und Italinn herzustellen. — "er jetzt fertige mechanische Teil mit dem Ralimenwerk umfaßt zunächst, einen oberen aus Stahlrohren bestehenden rechtwinkligen Rahmen von 15 in Länge und ca. 3 m Breite, der f in unterhalb des Ballons zu hangen kommt. In der Mitte dieses Rahmens, ihn nach oben um weniges überragend, der Hauptsache nach abwärts hängend, befindet sieb ein ebenfalls aus Stahlrohren hergestelltes türmchenarliges senkrechtes Gestell von 5 m Höhe, dessen Querschnitt 2.5 ni zu 1,5 m mißt. In Höhe von 1.50 m über der Basis durchschneidet ein Boden dieses Türmchen, indem er so die Gondel bildet und die verschiedenen Mechanismen trägt. Wanten und Schrägspann-uugen aus Stahldrahl von 2 mm Stärke sichern die feste unverschiebbare Verbindung zwischen Türmchen und Rahmen. Letzterer ist nach rückwärts versteift durch eine vertikale, mit Stofl bespannte kielartige Rahmenlläclie, welche zur gleichmäßigen Einhaltung der Bewegungsrichtung beitragen soll. Am Ende dieser Vertikalfläche befindet sich das <|tn große Steuer, das ans zwei auf einen Stahlrohr-Rahmen gespannten StolT-wiinden besteht.

Hie Erlinder denken sich den im Ran begriffenen Rallon zunächst als einen Versuchs- und Erprobungs-Apparat.

Von diesem Standpunkt aus hielten sie es für zweckmäßig. Anordnungen zu treffen, welche die verschiedenartigsten Versuche nach beliebiger Wahl gestatten, um hiernach zum Bau einer möglichst einfachen endgültigen Vorrichtung zu gelangen. So trägt der obere Rahmen drei zweiflügelige Treibschrauben von 3 in Flügelspannung. Eine derselben ist vorn, die anderen beiden ganz rückwärts zu beiden Seilen des Steuers angebracht. Die Welle der vorderen Schraube ist in der wagerechten Ebene verstellbar, so daß sie in schräger Richtung zur Ballonachse, das Steuer unterstützend, wirken kann. Ebenso sind die beiden hinleren Schrauben, und zwar gegenseitig unabhängig, eingerichtet, so daß sie auch entgegengesetzt wirken können. Außer diesen Treib schrauben sind noch im unleren Teil des Gestelles unter dem Gondelboden zwei Hebeschrauben angebracht. Alle diese Schrauben zeigen eine Eigentümlichkeit darin, daß sie durch l'mdrehung der Flügelllächeti um deren Längsachse in entgegengesetzte Wirkung versetzt werden können, ohne daß der Sinn der Drehung der Schraube selbst wechselt. Diese Einrichtung ermöglicht bei der Zahl der vorhandenen Schrauben eine Menge von ße-wegungs- und Versuchs-Kombinationen, welche vom wissenschaftlichen Standpunkt aus sehr fruchtbringend zu sein versprechen. Die Bewegungs-Fbertragungen durch Stahlbandriemen, deren Adhäsion durch ein sehr geistreiches Verfahren erreicht wird, vollziehen sich ohne Gleiten und vollkommen sanft. Die Steuerungshehel. von geringer Zahl, sind günstig für den Mechaniker geordnet, sowohl für Ein- und Ausrückung der Schrauben, als auch für Fmkehrung ihrer Wirkung. Die Bewegungskraft wird durch einen 35pferdigen Molor geliefert. Die Vorwärtsbewegung kann schon wegen des verhältnismäßig großen Ballnnquerschnitts nicht sehr beträchtlich sein, doch streben dies die "Erfinder auch nicht an. da sie vor allem die Kraft wirkung der von ihnen neu eingeführten Bewegungsmittel unter sorgfälligem Studium der verschiedenen einschlägigen Richtungen des Flugproblems erproben wollen.

Das Rallonnct wird durch einen in der Gondel befindlichen Ventilator gespeist, welcher regelmäßig durch den Hauptmotor bewegt wird, jedoch während des Haltens auch mittels eines kleinen Elektromotors mit leichter Akkumulatorenbatterie in Wirkung gebracht werden kann. — Im ganzen isl der Ballon Robert et Pillet bis ins einzelne sorgfältig durchgearbeitet und man trifft dort auf ganz eigenartige und geistvoll erdachte Anordnungen. Man kann andererseits die Schöpfer desselben nur beglückwünschen zu di in wissenschaftlichen Ziel, das sie ins Auge gefaßt haben, und wünschen, sie möchten baldigst m der Lage sein, ihre Versuche zu beginnen.

G. Espitaliier, (Ebers. K. N.)

Kleinero Mitteilungen.

Der neue Ballon „La Vllle de Paris*4, welcher in der durch hervorragende Leistungen bekannt gewordenen Anstalt von Maurice Mallct nach Angaben von Tatin für Herrn Deutsch de la Meurtbe hergestellt wurde, besteht aus zwei Hüllen, von denen die eine, der eigentliche Gasbehälter, durch den anderen widerstandsfähigeren mantelartig umschlossen ist. Die innere aus gelirnißter japanischer Seide hergestellte Hülle wiegt per Quadratmeter 12t)g und trägt <H)0 kg. Sie ist circa 4°«> weiter als die äußere Hülle, an der sie durch 1200 Händer. die durch unterlegte Ringe an den Nähten der Felder laufen, befestigt ist. Somit hält die äußere Hülle, hergestellt aus französischer Seide von K"> g per Quadratmeter und einem Widerstand von ttOO kg die ganze Dehnung aus. die aus dem Druck des WasserstofTgases bei einem unter 15 mm Wasserdruck sich öffnenden Auslaßventil sich ergibt. Da die innere Hülle keinen Druck auszuhalten hat. scheint die Dichtheit sichergestellt, auch hat eine mit einein Lang-Rallonnet angestellte Probe vollkommen entsprochen. Der neue Ballon hält 20O0 cbm. ist 50,80 m lang bei einem Durchmesser von 8,18 m und enthält ein linsenförmiges. 20.40 m vom Vorderende ab liegendes 200 cbm fassendes Ballonnet. Das Gesamtgewicht der Hülle beträgt 350 Kilo. K. N.

Der Gedanke des unglücklichen Severo, die Treibschraubenwelle eines Langballons in dessen Achse zu verlegen, indem man von unten mit einem Gerüst bis zu dieser Linie vordringt, hat einen Herrn Dr. Byard Gollins dahin geführt, einen Motor gleich ins Innere des Ballons zu legen, ihm von rückwärts die Elektrizität aus Batterien der Gondel zuzuführen, während die Schraube am Vorderende sich befindet. Dabei ist ein steifer, aus Fahrradkreisrippen hergestellter Ballon, dessen Achse ein stählernes Rohr bildet, angenommen. Das Wesentlichste besteht jedoch darin, daß von der Unentzündbarkeit des WasserstofTgases bei Mangel an Sauerstoff ausgegangen wird, indem durch Lagerung der Treibachse in luftdicht schließenden Stopfbüchsen der Zutritt von Luft zum Motor verhindert werden soll. Kin bemerkenswerter Vorteil wäre dadurch erreicht, daß die Gondel dicht unter den Ballon herangebracht werden könnte, wodurch sich der Angriffspunkt der Schraube mehr dem Luftwiderstandsmittelpunkt nähert. K. N.

Zinn Problem der Hebedmehen bespricht Paul Fächer in einem Artikel in der «Technischen Woche» i'3. 5. 03) den Unterschied zwischen Vorrichtungen, welche von in Bewegung begriffenen tropfbar oder gasförmig flüssigen Körpern Bewegung, also Kraft, üliernehmen zu irgend welchen Zwecken und solchen Vorrichtungen, welche in ruhenden flüssigen oder gasförmigen Körpern eine Stütze linden sollen, um durch eigene Bewegung eine Ortsveränderung innerhalb dieser Mittel zu erreichen. Zu den ersteren Vorrichtungen gehören als Haupttypen die Turbinen und die Windmühlenflügel oder Windräder, hauptsächlich aber die Drachen; zu den letzteren die Schiffsschrauben und die Ballon- und Luftschrauben. Aus Erwägungen wie auch experimentell nachweisbar erfährt eine länglich, rechteckig gestaltete ebene Fläche, in schräg geneigter Lage einem horizontalen Luftstrom ausgesetzl. der sie in Richtung der Neigungswinkel-Ebene trifft, einen wesentlich stärkeren Auftrieb, wenn ihre lange, als wenn ihre kurze Seite horizontal liegt. Der Grund ist einleuchtend, denn im letzteren Falle, also kurz bei Hochstellung, gleitet der an der oberen schmalen Kante abgelenkte Luftstrom längs der Fläche herab, hindert teilweise in den unteren Flächenteilen die unmittelbare Einwirkung des Luftstromes und lindet zu beiden Seiten bald die Möglichkeit des Ausweichens. Rei horizontaler Lage der Langseite kommt hauptsächlich die erste Ablenkungswirkung längs dieser ganzen Kante zur Geltung, der abgelenkte Luftstrom wird wieder frei, sobald er gewirkt hat. und ein seitliches Ausweichen findet nur an den beiden schmalen weit von einander entfernten Schmalseilen statt. Wie bei Turbinen und Windrädern eine Teilung in viele schmale Flächen eine größtmögliche Ausnützung der gegebenen Rewegung des Fluidums erreichen läßt, so ist daher auch von dem jalousieartig gebauten Drachen die größte Wirkung zu erwarten. Wie die Krümmung der

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Schaufeln bei der Turbine bezweckt, der an der Eintrittskante abgelenkten Strömung stetig erneuten Widerstand zu bieten, an den Bewegungsenergie abgegeben werden kann, so erhöht auch bei einer horizontal gehaltenen schrägen Langfläche eine leicht nach unten, also dem Luftstrom entgegen konkave Krümmung die Auftriebsleistung. Diese Betrachtung läßt von Drachen, welche etwa den Nickeischen ähneln, die größte Hcbe-kralt erwarten. K. N.

Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Verwendung von Dnu'hcn im Mari Bedienst zu Eikundungszwecken der Verwendung von Ballons vorgezogen wird, von welcher man sich besonders in Frankreich noch große Erfolge bis in jüngster Zeit versprach. Der Luftschifferpark der französischen Marine ist in Lagoubran bei Toulon eingerichtet und steht unter Befehl eines Marineofliziers. K. N.

Eine Art der Bnllonvcrfolguiig mit nicht kriegerischem Beigeschmack scheint bestimmt zu sein, eine l'rogrammnummer beim Aufstieg von Berufs-Aeronauten an Vergnügungsorten zu bilden, indem die Direktoren solcher Etablissements die aufgestiegenen Ballons durch Automobile verfolgen lassen, die dann die LuftschifTer nebst Ballon vom Landungsort zum Aufsliegsplatz zurückbringen. Fräulein Kätchen Paulus, welche am Plingstsonntag von dem Vergnügungsort «Venedig» in Wien aufstieg und bei Lang-Enzers-dorf landete, wurde zwar vom Auto nicht erreicht, weil kein günstiger Donauübergang verfügbar war: doch gelang dies am Plingslmontag nach der Fahrt über Praler und Stadt bei der Landung nächst Kagran vorzüglich und die Begrüßung bei der Rückkehr war eine sehr stürmische. Auch später, so zunächst am 4. Juni, wurde diese höchst anziehende Veranstaltung wiederholt. K. N.

Ein eigentümlicher Zufall fügte es, daß der Aeroklub-Ballon Nr. 2, der sich am 30. Mai abends U Ehr 10 Min. zu Sl. Cloud bei schwerem stürmischen Wetter unter Führung von II. de la Vaulx mit noch 3 Luftfahrern erhob, einen geschlossenen Ring von 48 km Bahnlänge um den Eiffelturm beschrieb und morgens 4 Ehr wieder zum Auf-sliegsorl zurückgelangte. Hätte sich de la Vaulx für den Preis Santos Dumont eingeschrieben, der die Rückkehr innerhalb des Klubterrains verlangt, so würde er denselben nicht nur gewonnen, sondern auch die bisher bekannten Leistungen von «Lenkbaren» über-[rolTeii halieii. K. N.

Unglücksfall. — In Laib ach stieg ein (.'.zeche Jan Placzek am 28. Juni unter dem Namen eines Amerikaners Steffens von der Rennbahn des Slovenisehen Bicycle-vereins abends ö'j Uhr in einer Mnntgolliere auf, um sich im Fallschirm herabzulassen. Der Auftrieb genügte nicht, um die nötige Höhe zu erreichen. Nach der «Neuen Freien Presse» schwebte Placzek etwa in .35 m Höhe über dem Erdboden, als er den Fallschirm loslöste. Natürlich entfaltete sich der Fallschirm nicht und der unerfahrene Gelegen-heitsaeronaul kam mit zerschmetterten Füßen, gebrochener Hand und innerlichen Verletzungen unten an. An seinem Aufkommen wird gezweifelt. %f

dt

Aeronautische Voreine und Begebenheiten.

Der Aero-Clnb de Belgii|iie hat unterm 2H. Juli den Illustrierten Aeronautischen Mitteilungen von einem Beschluß seines Veiwaltnngsrates (Sitzung vom 20. Juli) Nachricht gegeben, wonach eine Bewerbung für den Bau eines Luftbeförderungsmittels irgend welcher Art eröffnet werden soll. Dieser Wettbewerb ist sowohl für Belgier wie für Ausländer zugänglich, ist offen bis zum 31. Oktober RHU, stellt einen Preis von 1000 Fr. für die beste einlaufende Ausarbeitung auf, ist nicht auf irgend eine besondere Art von Luftfahrzeugen beschränkt und nimmt ganz gleichmäßige Prüfung aller Entwürfe und Erläuterungen pp. in Aussicht. Der Aero-Clnb rechnet auch darauf, daß Finanzgrößen sich an

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diesen seinen Bestrebungen beteiligen werden, die auf Förderung der Entwicklung von Luftfahl mitteln auch in Belgien gerichtet sind, wo entgegen dein sonst vorhandenen Zuge nach Unternehmung und Fortschritt noch wenig auf diesem Gebiete geschehen sei.

K. N.

Bibliographie und Literatiirboricht.

Aeronautik.

Comte Henry de La Vaulx. — Sehe mitle kilometre* en ballon. 307 Seiten, 1 Titelbild, 1 Figur. Paris, Librairie Hachetie & f.»«?, 19, Boulevard Saint-Germain. 1903. Was der als Luftschifler und Sportsmann bekannte Verfasser in der Vorrede obigen Buches mit den Worten ausdrückt: «Mais cc qui dominc toujours dans ce livre, c'est une admiration profonde pour les beautes grandioses et incomparables de l'Ocean atmospheriqne » gibt eine richtige Charakteristik der Schrift. Der Verfasser hat bereits vieles in der Luftschiffahrt geschaffen und erlebt. Er mit seinem Freunde Gastillon de St-Victor zusammen hat eigentlich das Verdienst, in die Aeronautik große Sportsprobleme hineingebracht zu haben. Von Frankreich nach Rußland zu fahren, ein Wunsch, den Berufsluflschiffer bis zum Jahre 1900 vergeblich auszuführen versuchten, Comic H. de La Vaulx hat es zum ersten Male mit einem Ballon von lf>30 cbm am 30. September 1900 in 21 Stunden 34 Minuten fertig gebracht! End nicht minder verdienstvoll sind die, wenngleich noch nicht geglückten, so doch deshalb noch lange nicht aufgegebeneu Bemühungen des Grafen, das Mittelländische Meer zu überfliegen. Alle Versuche, alle Erfahrungen und Erlebnisse sind in dem vorliegenden Buche in ansprechendem Erzählerton zur Darstellung gebracht. Es scheint mir so recht geeignet, um deutsche Leser in angenehmer Weise in die französischen aeronautischen Fachausdrücke einzuführen. Auch die Beurteilung deutscher Verhältnisse, die der Graf bei seinen Landungen bei uns Äußert, sind nicht ohne Beiz. Es ist natürlich, daß hierbei die Empfindungen des National-Franzosen mitunter zum Ausdrucke gelangen. Mag dieses frisch geschriebene, interessante Buch allen, die für die Luftschiffahrt Sinn haben, bestens empfohlen sein. Mocdebeck.

(i. Espltalller, lieutenant-colonel. Le ballon «Lebaudy» in • Lc Genie civil» vom 13. Juni 1903, Nr. 109(5, 7 Seilen, 14 Abbildungen.

Die Arbeit enthält eine sehr gründliche Studie dieses bisher erfolgreichsten Luftschiffes. Die Zahlenangaben weichen in Einzelheiten von den früher gegebenen ab, weil mancherlei Verbesserungen am Luftschiff « Leltaudy ». die sich auf Grund der Experimente als wünschenswert herausstellten, ausgeführt worden sind. Moedebeck.

Jobs Olshausen, Bauinspektor in Hamburg. Geschwindigkeiten in der organischen und anorganischen Welt bei Menschen. Tieren pp., beobachtet bezw. gesammelt und berechnet und verbunden durch erläuternden Text. Hamburg 1903. Verl. Boyssen & Maasch. -t-KX S. 13 X 2° cm. Es ist ein ganz eigenartiges Lexikon der Geschwindigkeiten, welches auf den Seiten 99—117 und 228-»-212 auch die verschiedenartigsten Erfahrungen des Tierlluges und der Aeronautik zusammenstellt. Überall sind sachgemäß die Quellen angegeben und man muß gerechterweise die Belesenheit und den Fleiß des Bearbeiters dieses ziemlich umfangreichen Buches bewundern und anerkennen. Daß dem Verfasser hierbei einige von keinem Luftscbiffer ernst genommenen Experimente, wie z. B. der Automobil-Flugmaschinen-Flüge von Whilehead in Bridgeport, und andere kleine Irrtümer, wie die Beförderung des Zirkusdirektors Cotly zum Obersten, mit untergelaufen sind, ist dem Verfasser nicht zum Vorwurf zu machen und tut dem Wert seines interessanten Werkes auch keinen Abbruch. <-'»

Meteorologie.

A. stolberir, die meteorologischen Drachen in • Daheim• Nr. 1809, :i s., 8 Abbildungen.

Dir wohlbekannte Aasistenl von Professor Hergesell, weh her der Verfasser dieses Artikel-. i>t. gibt hier eine 11ir die Gebildeten berechnete anregende allgemeine < Irienticrung über die Versuche, mit registrierenden Drachen die Verhältnisse des Lallozeans zu sondieren«

Das unfolgsame Publikum. — Ein Zukunftsbild aus der Zeit des Luftballon-

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